Wer wüßte nicht gerne mehr über „Entwicklungstendenzen auf dem Arbeitsmarkt und ihre Auswirkungen auf die Jugendkriminalität“? Dieser Titel könnte manch einen verleiten, das 58 Mark teure Büchlein mit seinen 119 Seiten (davon ein Viertel Tabellen und Schaubilder) zu kaufen. Verfaßt hat es Axel Neu, erschienen ist es im Kriminalistik-Verlag.

Doch Vorsicht! Das Buch klärt keineswegs die Zusammenhänge auf, sondern gleicht einem Plädoyer für die Ausweisung junger Ausländer.

Neu meint, bei gleichbleibender Arbeitsmarktlage würde im nächsten Jahrzehnt ein „drastisch“ wachsender Prozentsatz junger Ausländer in Gefängnissen sitzen: „In Berlin, Frankfurt und Teilen des Ruhrgebiets kann dann der Anteil der ausländischen Jugendlichen im Jugendstrafvollzug bereits die Mehrheit bilden.“ Diese Prognose erfordert nach Neu den Gebrauch des „Überdruckventils aufenthaltsrechtlicher Reaktionen“, im Klartext: Wer straffällig wird, gehört ausgewiesen.

Die Prognose beruht auf drei Annahmen. Erstens: Seit 1964 sind die Geburtenzahlen immer mehr geschrumpft. Andererseits sind in den vergangenen Jahren durch Familienzusammenführung zunehmend mehr junge Ausländer in die Bundesrepublik gekommen. Beide Entwicklungen verschieben den Anteil der Ausländer an allen Jugendlichen von jetzt sieben Prozent „in die Spitze auf 15 v. H.“. Zweitens. Laut Kriminalstatistik sind ausländische Jugendliche höher mit Kriminalität belastet als ihre deutschen Altersgenossen. Die wegen mangelnder schulischer und beruflicher Ausbildung fehlende Lebensperspektive sei dafür verantwortlich. Diese Perspektivlosigkeit werde zunehmen. Drittens: In Kombination beider Trends werde der Anteil ausländischer Jugendlicher im Jugendstrafvollzug „drastisch zunehmen“.

Sind Neus Annahmen richtig? Ad eins: Selbst wenn es zutrifft, daß 1995 Ausländer einen doppelt so hohen Anteil an den Jugendlichen ausmachen, so liegt das daran, daß die Zahl der Jugendlichen insgesamt von heute 2,7 Millionen auf 1,5 Millionen im Jahr 1995 zurückgehen wird. Absolut gesehen bleibt aber die Zahl der Ausländerjuderglichen je Jahrgang praktisch gleich. Ad zwei: Die höhere Kriminalitätsbelastung der jungen Ausländer geht schon jetzt zurück, das sagt selbst Neu. Dunkelfelduntersuchungen haben ergeben, daß junge Ausländer weniger Straftaten als Deutsche begangen haben. Ad drei: Wenn insgesamt immer weniger Jugendliche in Ausbildung und Beruf drängen, ist nicht ausgeschlossen, daß die Chancen ausländischer Jugendlicher künftig steigen.

Mit dem Substanzverlust der Annahmen schwindet auch die Beweiskraft von Neus statistischem Blendwerk. Karl F. Schumann