/ Von Joachim Riedl

Hilflos stehen die beiden Polizisten an der Kaimauer und beobachten ein schimmerndes Wasserflugzeug, das durch die nachtschwarze Biscayne Bay pflügt. An Bord macht es sich ein südamerikanischer Drogenkönig bequem. Er schmunzelt schmierig und streicht zufrieden über seinen prallen Aktenkoffer; Millionen beflügeln seine Flucht.

Wenige Stunden zuvor hatte ihm die Polizei das Handwerk gelegt. Doch noch mitten in der Nacht hatte der Kokaingroßhändler einen korrupten Haftrichter aufgetan, der ihn gegen Kaution auf freien Fuß setzte. Unerreichbar schwebt er nun in den Wolken. „Der kommt wieder“, tröstet Kommissar Sonny Crocket seinen Kollegen: „Sie kommen alle wieder. Sie können der Versuchung von Miami nicht widerstehen.“

Schon in der ersten Episode der neuen Fernsehserie „Miami Vice“ (etwa: „Stadtpolizei Miami, Sittendezernat“), die von der ARD vom 6. Dezember an als Nachfolgeserie des Publikumsmagneten „Dallas“ ausgestrahlt wird, übernimmt ein resignativer Unterton das Kommando. Miami, die wuchernde Metropole im Süden von Florida, erscheint als Schlaraffenland für kriminelle Lebemänner: Ihr protziger Luxus bestimmt die Umgangsformen, die Gier nach Geld und Vergnügen den Rhythmus der Stadt.

Polizeiagenten wie Crocket und sein Partner Ricardo Tubbs, die Helden von „Miami Vice“, sind lediglich Störenfriede, die den blühenden Drogengeschäften letztlich nichts anhaben können. Jeder ihrer Aufträge ist ein Himmelfahrtskommando. Mit knapper Not retten sie ihre Haut. Doch stets bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Die Randfiguren, die sie beseitigen, lassen sich ersetzen, das System bleibt hingegen unangetastet.

Auf ihren Verbrecherjagden schleichen sie sich in diese exklusive Unterwelt ein: Sie posieren als kleine Gauner oder bestechliche Beamte, um den scheinbar unangreifbaren Millionärsverbrechern überhaupt nahe kommen zu können. Die schäbige Welt des Polizeidezernats verschmilzt schnell mit dem genußsüchtigen Paradies verächtlicher Verschwender. In ihrem Habitus haben sich die beiden Polizisten längst angepaßt. Bald spielen sie ihre Rollen mit verdächtiger Perfektion.

„Miami Vice“ führt in einen bizarren Großstadtdschungel: eine gesetzlose Metropole, die nachts zu irrlichterndem Wahnwitz erwacht. Dunkle Geschäfte in trüben Spelunken, schneeweiße Handelsware in modrigen Hafenschuppen; zwielichtige Bankiers, die in chromblitzenden Hochhausappartements hausen und aalglatte Killer, die ihre Morde auf rauschenden Festen feiern. Blitzende Sportwagen beherrschen die Straßen. Grelles Neonlicht vertreibt das Dunkel. Spielhöllen und leichte Mädchen, Kokain und Champagner in tosenden Discopalästen. Das süße Leben von Miami gleicht einem Drogenrausch: atemberaubend, schnell und knallhart, ein Raketenstart in die geheimnisvollen Sphären von Luxus und Laster.