Lebensformen, Alltag und Kultur der Arbeiter von der Frühindustrialisierung bis zum „Wirtschaftswunder“

Von Volker Ullrich

Geschichte der Arbeiter – das hieß bis vor nicht allzulanger Zeit noch Geschichte der Arbeiterbewegung, ihrer Organisationen und führenden Funktionäre, ihrer diversen Spaltungen und der sie begleitenden oder vorauseilenden ideologischen Kontroversen. Die historischen Subjekte, auf die man sich so gern berief, die Arbeiter eben, tauchten meistens nur am Rande auf, als merkwürdig gesichtslose Kollektivwesen oder als willfährige Manövriermasse auf dem Schlachtfeld der Debatten um Reformismus und Radikalismus, Reform und Revolution.

In den letzten Jahren hat sich hier ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Statt noch einmal den alten Streit um richtige oder falsche Parteilinien auszutragen, haben sich vornehmlich jüngere Sozialhistoriker in der Bundesrepublik darangemacht, die Lebenswirklichkeit der Arbeiter selbst zu erkunden, um auf diese Weise den bisher Namenlosen Stimme und Gesicht zu verleihen. Der Arbeiteralltag rückte ins Zentrum der Betrachtung, und mit ihm das ganze weite Feld der Arbeiterkultur, die unseren Blicken schon fast entschwunden schien.

Wie fruchtbar der neue Forschungsansatz ist, welche Erkenntniswege er öffnet, aber auch, welche Probleme er aufwirft, das demonstriert auf eindrucksvolle Weise ein von Wolfgang Ruppert herausgegebener Sammelband mit Aufsätzen von 30 Autorinnen und Autoren, die meisten davon durch einschlägige wissenschaftliche Forschungen ausgewiesen. Erfreulich ist, daß sie sich fast ausnahmslos um eine anschauliche, auch für Nicht-Fachhistoriker lesbare Sprache bemühen. Das ist auch notwendig, richtet sich doch der Band, wie Ruppert im Vorwort schreibt, in erster Linie an „Zeitgenossen, die selbst aus der Arbeiterschaft stammen“. Das Buch soll ihre Neugier wecken und ihnen Mut machen, sich wieder mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. „Sie sollen Spuren und Bilder entdecken, die in die Erinnerung ihrer eigenen Familien führen: Erfahrungen, die zeitweise vergessen oder verdrängt waren, an denen wir aber den Vergleich zu unseren gegenwärtigen Lebensverhältnissen suchen können.“

Sex am Arbeitsplatz

Die Aufsätze spannen einen weiten Bogen. Dem ersten Teil hat der Herausgeber das Motto vorangestellt: „Das Leben ist nicht von der Arbeit zu trennen“, was heißen soll: Eine Geschichte des Alltags und der Kultur der Arbeiter kann nur erforscht und verständlich gemacht werden, wenn sie die fremdbestimmte industrielle Arbeit als eine prägende Erfahrung zugrundelegt. Ruppert selbst beschreibt in zwei einführenden Beiträgen die Entstehung der Arbeiterschaft, ihre innere Differenzierung und die Herausbildung einer spezifischen „Arbeiterkultur“.