Es gibt zur Zeit nur eine gute Nachricht über Aids: Der Erreger der Krankheit ist nicht sonderlich infektiös. Die Übertragungswege sind klar. Ein Mensch kann sich fast nur durch ungeschützten Sexualkontakt mit einer infizierten Person, durch Blutaustausch oder gemeinsames Benutzen einer Injektionsnadel anstecken.

Alle anderen Nachrichten über Aids sind schockierend: Bereits 1991, das erwartet die amerikanische National Acadamy of Sciences, werden ein bis zwei Prozent aller Todesfälle in den Vereinigten Staaten auf das Konto der neuen Epidemie gehen. Einigen afrikanischen Regionen droht bis zu jenem Zeitpunkt nahezu eine Entvölkerung. Ein Impfstoff gegen Aids ist nach Meinung des Fachblattes Nature frühestens in fünf Jahren zu erwarten. Manche Wissenschaftler befürchten, daß es nie gelingen wird, ein wirksames Vakzin zu entwickeln. Nicht wie ursprünglich angenommen zehn, sondern mindestens fünfzig Prozent aller Virusträger werden an den typischen Aids-Symptomen erkranken – und sterben. Die Hinweise häufen sich, daß drei Viertel aller Infektionen tödlich enden. Medikamente gegen Aids gibt es derzeit nicht. Die Wirkstoffe, die Mediziner erproben, verzögern das Leiden, sie heilen jedoch nicht. Außerdem haben sie ernste Nebenwirkungen.

Bleibt also nur die Aufklärung – und die führt uns in Konflikte: Denn den besten Schutz vor Aids bietet ein Leben ohne Sexualität. Ein sexueller Verzicht wäre ebenso unerfreulich wie absurd. Er würde zum Aussterben unserer Art führen. Es gilt also, die Ansteckungsgefahr zu verringern. Häufiger Partnerwechsel beispielsweise erhöht, der Gebrauch von Kondomen vermindert diese Gefahr. Eine bessere Aufklärung muß alle Bevölkerungsgruppen erreichen. Eltern, aber auch Lehrer werden nicht umhinkommen, Kinder vor der Geschlechtsreife anzusprechen, also bereits im Alter von acht bis zehn Jahren. Doch wie? Daß „eine erhöhte Promiskuität das Infektionsrisiko erhöht“, ist sicher richtig – Drittkläßler werden diese Nachricht leider genausowenig verstehen, wie die Kunden auf dem Straßenstrich. Psyche und Sprache der Achtjährigen sind nicht die von Erwachsenen, Fixern ist anders beizukommen als Prostituierten und deren Freiern. Wenn es um Sexualität geht, fallen Worte, die jeder kennt, die viele aber nicht in behördlichen Broschüren oder in der Zeitung lesen wollen. Aids ist ein four letter ward, doch um Aids auf dem Kiez zu vermeiden, bedarf es vieler drastischer „Schmutzvokabeln“.

Aber wie reagieren Kinder, wenn sie von den tödlichen Folgen der Sexualität hören, bevor sie auch nur eine einzige positive Erfahrung machen konnten? Die Einstellung zur Sexualität der jetzt Heranwachsenden wird sich bald dramatisch von jener der Pillengeneration unterscheiden: Unsere Freizügigkeit wird den Beigeschmack des Todes bekommen. Dem Geschäft mit der Erotik steht ein drastischer Einbruch bevor. Aus Schlagertexten werden sexuelle Anspielungen verschwinden, ebenso nackte Menschen von den Titelseiten der Illustrierten. Unkontrollierte Bordelle verkommen zu Treffpunkten für Lebensmüde.

Nicht nur die Moral wird sich ändern: Ungeahnte Diskriminierungen und endlose Gerichtsverfahren stehen bevor, in denen Infizierte ihre Überträger des versuchten Mordes bezichtigen. Selbst die katholische Kirche könnte unter Druck geraten, die Achtung von Kondomen aufzugeben.

Niemand weiß, wann all dies geschieht. Sicher ist nur, daß zuvor Millionen Menschen an Aids sterben werden. Und daß diese Krankheit – bekämpft oder unbekämpft – Unsummen kosten wird. Anfang kommenden Jahres wird der amerikanische Kongreß vor der Frage stehen, zwei Milliarden Dollar für ein Anti-Aids-Programm zu bewilligen. Etwa die gleiche Summe fordern die Militärs für ihr SDI-Programm. Was aber nutzt einer bedrohten Spezies ein löchriger Schild im All?

Reiner Klingholz