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wie Ameisenbär. Kinder haben es schwer: sie werden gezwungen, sich in die unterschiedlichsten Hierarchien einzufügen – Elternhaus, Kindergarten, Schule, bis hin zum Ausbildungsplatz und dem Berufsleben. Für jedes Lernfeld ein neuer Platz in der Hackordnung. Höherstehende Tiere leben in fester sozialer Ordnung, die jedem Zugehörigen der Gemeinschaft seinen Platz zuweist. Einen Platz, an dem er nützlich ist für die Gruppe. Kinder haben in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Sie müssen alles lernen, am eigenen Leib erfahren, „von der Pike auf“. Und es wird reichlich gepikt im Leben. Wenn man sich die vielen mißlungenen Erwachsenen ansieht, nimmt es Wunder, daß man immer noch auf gut geratene Kinder und Jugendliche trifft.

Kinder mit einer „Macke“ sind bei den Plazierungen für Hackordnungen besonders übel dran. Auf Schonung ist – wie in der Erwachsenenwelt – nicht zu rechnen.

Von einem solchen Kind ist die Rede in Christine Nöstlingers „Man nennt mich Ameisenbär“. Es geht um ein Mädchen in der Pubertät. Und das Mädchen ist häßlich. Daran läßt die Nöstlinger keinen Zweifel: engstehende kleine Augen, Riesenzinken, fliehendes Kinn. Erschwerend kommt hinzu: sehr hübsche ältere Schwester, gut in der Schule, sensibel.

Gegen alle dramaturgischen Regeln in vergleichbaren Büchern hat Thesi – erbarmungslos von den Mitschülern „Ameisenbär“ genannt – nun aber sehr liebe, verständnisvolle Eltern und eine enorme Großmama, die sie sich allerdings erst erobern muß. In aller Gemütlichkeit und mit viel Geld im Hintergrund ist die Großmama nämlich mit Thesis Eltern verkracht. Und nun wird durchexerziert, was ein Mädchen in dieser Situation auszustehen hat, wie turmhoch die Belastungen sind, die ein Kind dieses Alters durchmachen muß.

Im Hinterkopf hat der Leser immer die Vorstellung, wie es einem Mädchen mit bloß durchschnittlichen Eltern erginge, nicht zu reden von den verständnislosen, verstockten Vätern oder Müttern. Ich bin sicher, das ist auch der Trick bei der Geschichte. Die Nöstlinger will, in ihrer unnachahmlichen Manier zu schreiben, bei lesenden Eltern – und viele Eltern werden das Buch lesen – mal anklopfen, wie sie es denn so halten in der Familie. Und weil nirgendwo im Büchlein polemisiert wird, psychologisierende Belehrung streng ausgelassen wird, ist sicher der eine oder andre Elternteil geneigt, sich die eine oder andre Jacke aus dem ganz unsichtbaren pädagogischen Kleiderschrank der Nöstlinger anzuziehen. Nur so, natürlich. Kein Mensch muß müssen. Selbstverständlich liest sich das Ganze außerordentlich vergnüglich. Und selbstverständlich geht es gut aus. Besser gesagt: Die Geschichte von Thesi, dem Ameisenbär, endet an einer für Thesi erfreulichen Stelle. Das freut den Leser. Wie es im Leben eines solchen Kindes weitergeht, einer Thesi Bockskandl im besonderen und ähnlichen vom Schicksal benachteiligten kleinen Mädchen im allgemeinen, das bleibt offen. Das weiß ohnehin kein Mensch. Nicht mal die Nöstlinger. Gert Haucke

  • Christine Nöstlinger: