Gorbatschow-Besuch in Indien: Moskau bleibt für Delhi ein verläßlicher Partner

Von Gabriele Venzky

Delhi, Ende November

Die Ehrengarde war in bunten Turbanen und hoch zu Kamel aufgezogen, die Straßen hatten eine neue Teerdecke und die Bordsteine frische weiße Farbe erhalten. Delhis Schulkinder hatten schulfrei und schwenkten begeistert Fähnchen. Ein bißchen Volksfest, ein bißchen Kaisers Geburtstag – wohl noch nie hatte sich die indische Regierung mit einem Staatsbesuch so viel Mühe gegeben. Der so Geehrte, der mit großer Entourage samt Außenminister und zehn ZK-Mitgliedern gekommen war und der Aufwand doch gewöhnt ist, schien überrascht. Immer wieder bedankte sich Michail Gorbatschow überschwänglich und fast gerührt für so viel Aufmerksamkeit.

Der Jubel für den Staatsgast war nicht bestellt. Nach einer Meinungsumfrage halten 93 Prozent der Einwohner von Delhi die Sowjetunion für den besten Freund Indiens, während sich nur sechs Prozent für die Vereinigten Staaten erwärmen können. Und Ministerpräsident Rajiv Gandhi nutzte die Gelegenheit, um noch einmal klarzustellen: High Tech hat für ihn Priorität, und die wird er kaufen, wo sie am besten ist, nämlich im Westen – aber Delhis zuverlässigster Bündnispartner ist und bleibt der Kreml. Für Indien sind der Erwerb hochmoderner Technologie und außenpolitische Präferenzen zwei grundverschiedene Dinge. „Wir sind nicht käuflich“, erklärt Indiens ehemaliger Botschafter in Moskau und in Kabul, Gujral, indigniert.

Sowjetisches Fingerspitzengefühl

Für westliches, vor allem für amerikanisches Opportunitätsdenken ist dies offensichtlich schwer zu begreifen. Sonst hätte der amerikanische Verteidigungsminister Weinberger seinen Indien-Besuch im Oktober nicht allen Ernstes „wundervoll“ nennen und von einer „aufkeimenden militärischen Zusammenarbeit“ sprechen können. Denn in Wahrheit hatte Delhi diesen bisher höchsten Abgesandten Ronald Reagans äußerst distanziert empfangen und ihm zu verstehen gegeben: Geschäfte mit den Amerikanern – ja, Veränderung der Allianzen – nein.