Von Christoph Bertram

Die Nachricht platzte nicht mit dem Knall einer Bombe ins Haus, sondern mit dem dumpfen Wummern einer Abrißbirne, die ein längst abgeschriebenes Gebäude zielstrebig zerkleinert: Am 28. November 1986 landete ein B-52-Bomber der amerikanischen Luftwaffe mit atomaren Cruise Missiles an Bord auf der texanischen Carswell Air-Force Base und wurde dem strategischen Einsatzkommando der USA unterstellt. Was viele lange befürchtet und manche lange gehofft hatten, ist nun eingetreten: Die Vereinigten Staaten haben die Beschränkung des Salt-II-Abkommens, das 1979 von beiden Weltmächten geschlossen, nie ratifiziert, aber dennoch im wesentlichen eingehalten wurde, nun endgültig hinter sich gelassen. Mitten in der Bedrängnis über die Iran- und Nicaragua-Verwicklung seiner Regierung fand Präsident Reagan Zeit, die umstrittene Anweisung zu unterzeichnen. Und die Antwort Moskaus ließ nicht lange auf sich warten: Auch die Sowjetunion sieht sich nun nicht mehr an die alte Salt-Verpflichtung gebunden.

Die Demonteure in Washington hatten ihr Kommen schon lange vorher angekündigt; überrascht konnte sich niemand fühlen – nicht in Moskau, nicht in Europa und nicht im amerikanischen Kongreß. Denn Ronald Reagan und seine Mannen hatten nie einen Hehl daraus gemacht, daß die alte Rüstungskontrolle ihrer Vorgänger ihnen nicht ins Konzept paßte. Salt, der Vertrag zur Begrenzung strategischer Offensivwaffen, erschien ihnen schon 1981 bei ihrem Amtseintritt als „von Grund auf verfehlt“. Richard Perle, der einflußreichste Mitstreiter Reagans im Pentagon, hatte klipp und klar erklärt: „Nichts im Salt-II-Vertrag ist für unsere Sicherheit von Belang.“

Dennoch hatte sich die Regierung Reagan sechs Jahre lang an das Abkommen gehalten – nicht aus Begeisterung, sondern weil es Amerikas Rüstungspläne ungeschmälert ließ: Immerhin dürfen nach dem Vertrag beide Seiten bis zu 1320 Trägerwaffen für Mehrfachsprengköpfe – Raketen und strategische Bomber – aufstellen. Nun aber schien ein einziger B-52-Bomber wichtiger als das ganze Vertragswerk, als die Unterstützung der europäischen Verbündeten, aber auch als der Geist von Reykjavik. „Der Salt-Vertrag existiert nicht mehr“, hatte Larry Speakes, der Sprecher des Weißen Hauses, schon im Juni verkündet. Nun ist das Todesurteil vollstreckt worden.

Zwei Begründungen hat Washington für den militärisch marginalen, politisch aber bedenklichen Schritt gegeben: eine vorgeschobene und eine ernst gemeinte. Vorgeschoben ist das Argument, die Sowjetunion habe die Vertragsbestimmungen nicht eingehalten, da brauche sich auch Amerika nicht mehr daran gebunden zu fühlen. Denn trotz einer jahrelang anhaltenden Kampagne haben Reagans Pentagon und Abrüstungsbehörde bisher die behaupteten sowjetischen Zuwiderhandlungen gegen den Salt-II-Vertrag nicht hieb- und stichfest machen können – obgleich die Liste der Vorwürfe aus Washington sich inzwischen auf lediglich zwei Vertragsverletzungen reduziert hat:

  • Die Sowjetunion habe, entgegen dem Vertrag, mehr als nur einen Raketentyp entwickelt – neben der SS 24 mit Mehrfachsprengköpfen auch die SS-25-Rakete, die mobil ist und nur einen Sprengkopf trägt. Das sowjetische Gegenargument: Die SS 25 sei keine Neuentwicklung, sondern nur die zulässige Modernisierung eines veralteten Raketentyps, nämlich der Ende der sechziger Jahre eingeführten SS 13. Der Vertrag gibt dafür zweierlei Hinweise: Bis zu fünf Prozent der Veränderungen bei den wichtigsten technischen Größenordnungen – Umfang, Länge, Startgewicht, Wurfgewicht – sind als Modernisierung anzusehen, was darüber hinausgeht, hat als Neuentwicklung zu gelten. Zudem sind Tests eines vorhandenen oder nach diesen Kriterien modernisierten Raketentyps mit einem Sprengkopf nur dann zulässig, wenn das Gewicht des Sprengkopfs über die Hälfte des Gesamtwurfgewichts der Rakete ausmacht (das Gesamtwurfgewicht umfaßt die Summe der Sprengladungen und Attrappen). Mit dieser Bestimmung soll die heimliche Einführung von Mehrfachsprengköpfen erschwert werden.

Aber Messungen, die die Grenzgrößen noch verläßlich einfangen können, sind selbst für die Ohren und Augen der Weltmächte, für die Aufklärungssatelliten im Weltraum, nicht immer möglich. Zudem hat die Technik sich verändert: Die Daten für alte Raketen, die ja notwendig für den Vergleich sind, beruhen oft auf Annahmen, die auf unvollkommenen Erkenntnissen aufbauen. Eine eindeutige Vertragsverletzung ist den Sowjets kaum zu beweisen. Allenfalls ist ihnen anzulasten, daß sie im trüben Wasser schwer überwachbarer Bestimmungen fischen.