Die Zerstörung der Natur wird zur Katastrophe für die Entwicklungsländer

Von Manfred Wöhlcke

Ökologie ist gewiß ein modisches Sujet. Gott sei Dank, muß man allerdings sagen, und darf nur hoffen, daß diese Mode etwas langlebiger sein wird als die jüngste Winterkollektion. Die zunehmende Verbauung, Vergiftung, Ausplünderung und Zerstörung unserer Umwelt hat längst ein solches Ausmaß erreicht, daß die Frage gestellt werden muß, ob der sogenannte Fortschritt noch einen Sinn hat, wenn gleichzeitig die Lebensqualität in ganz elementaren Bereichen verschlechtert wird. Wir haben es diesbezüglich weit gebracht, und wir werden es vielleicht auch noch so weit bringen, daß eines Tages die Muttermilch als Pestizid verwendet werden kann und der letzte Schmetterling in den Zoo fliegt.

Während die Sensibilität für den Umwelt- und Ressourcenschutz in den Industrienationen allmählich zunimmt, war das für die Dritte Welt bis vor kurzem ein wenig beachtetes Spezialgebiet von Geographen, Geologen, Biologen, Ethnologen, Naturschützern und von Zeitgenossen mit einem besonderen Interesse an solchen Problemen. Obwohl diese Thematik in den vergangenen Jahren auch Eingang in die sozialwissenschaftliche Literatur gefunden hat, nehmen sie die meisten politologischen, volkswirtschaftlichen und soziologischen Autoren kaum wahr. Dies ist erstaunlich, denn die ökologische Literatur über die Dritte Welt weist auf nichts Geringeres hin als auf eine ernstzunehmende Fehlentwicklung mit zunehmend katastrophalen Folgen.

Daß sich die Umweltschäden in der Dritten Welt zum Teil dramatisch verschärfen, wird vielleicht deswegen nicht angemessen wahrgenommen, weil sie zwar durch viele regionale Einzelstudien gut belegt sind, aber selten synoptisch betrachtet werden. Die akutesten Fälle werden zwar über die Medien einer breiten Öffentlichkeit vermittelt, aber zumeist als lokale Einzelkatastrophen dargestellt und nicht als Symptome einer weltweiten Fehlentwicklung. Die Konzentration auf den besonderen Fall versperrt den Blick für das Gesamtproblem, das ganz unterschiedliche Ausprägungen haben kann, zum Beispiel die zunehmende Erschöpfung verschiedener Bodenschätze, die Versteppung Äthiopiens und Nordostbrasiliens, der Kollaps der urbanen Ökologie in Kairo oder Mexico-City, die Überweidung der afrikanischen Savanne, der Vormarsch der Sahara, die Giftgaskatastrophe in Bhopal, die Vergiftung des Maracaibo-Sees oder des Ganges, die Überfischung der Weltmeere und die Ausrottung der Wale oder die Vergiftung der Küstengewässer.

Die Umweltzerstörung hat nicht nur zahlreiche Erscheinungsformen, sondern auch zahlreiche Ursachen. Neben weltweit wirkender Aufheizung der Atmosphäre durch Kohlendioxid, Zerstörung der Ozonschicht durch Fluorkohlenwasserstoffe, Überfischung der Weltmeere oder grenzüberschreitende Wasser- und Luftverschmutzung hat jede Region und Mikroregion ihre spezifische „Mischung“ von zahlreichen, sehr unterschiedlichen, zum Teil schwer wahrnehmbaren und häufig kaum exakt zu quantifizierenden Symptomen.

Fast überall dort, wo in der Dritten Welt ein meßbarer Fortschritt stattfindet, läßt sich feststellen, daß mit steigendem individuellen Lebensstandard sich gleichzeitig die gesellschaftliche Lebensqualität verschlechtert. Die sogenannte Entwicklung ist wesentlich auf die Befriedigung sekundärer Bedürfnisse einer Einkommens- und Besitzelite ausgerichtet (Güter und Dienstleistungen des gehobenen Konsums), während die Befriedigung wichtiger primärer Bedürfnisse der Allgemeinheit zusehends eingeschränkt wird (zum Beispiel ausreichende Rohstoff- und Energiereserven, gesunde Umwelt, unverbaute Landschaft, artenreiche Biotope, humane Städte, rückstandsfreie Lebensmittel).