Auch wer nicht zur Urne geht, drückt eine Meinung aus

Von Rolf Zundel

Die Botschaften werden drängender, dramatischer: Den CDU-Staat verhindern oder gar den Untergang Deutschlands. Eine „Schicksalswahl“ ist – wieder einmal – angesagt. Aber noch treffen die politischen Apokalyptiker bei vielen Bürgern auf ein gut gepolstertes Desinteresse, und die düsteren Warnungen gehen noch nicht unter die Haut. Die Wahlforscher des Emnid-Instituts fanden heraus, daß 20 Prozent der Wähler noch nicht wissen, welcher Partei sie ihre Stimme geben sollen, daß fünf Prozent sich noch nicht entschieden haben, ob sie überhaupt zur Wahl gehen, und daß vier Prozent von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch machen wollen.

Die Zahlen sind bei anderen Instituten, mit anderer Fragestellung, etwas niedriger, aber daß – wie üblich in Zeiten des Vorwahlkampfs – eine erhebliche Zahl von Bürgern noch nicht auf die Schicksalssymphonie eingestimmt ist, läßt sich kaum bestreiten. Und wer hat in den letzten Wochen nicht schon die Zweifelsfragen gehört: Wen soll ich wählen – die schwankende FDP, die zerstrittene SPD, die dickbramsige Union, den grünen Fundamentalismus? Soll ich überhaupt zur Wahl gehen? Was ändert sich schon dadurch? Im Grunde ist ja alles schon gelaufen.

Diese Stimmung bereitet den Wahlstrategen fast mehr Sorge als der politische Gegner. Sich mit ihm auseinanderzusetzen haben sie gelernt; sie kennen die Finten und Tricks, sie können sich einigermaßen ausrechnen, wie die Kampagnen angelegt werden. Sehr viel schwerer auszurechnen dagegen ist ein Phänomen, das alle Parteien, vor allem aber die großen, heimsucht, das einmal einige hunderttausend Stimmen stibitzt, dann wieder Millionen verschwinden läßt. Die Rede ist vom Nichtwähler. Einige Beispiele zur Erinnerung:

Bei der Bundestagswahl 1980, als Franz Josef Strauß der Kanzlerkandidat der Union war, blieben viele Unionswähler zu Hause – ein Grund dafür, daß die Niederlage der Christdemokraten ziemlich drastisch ausfiel.

Voriges Jahr dann in Nordrhein-Westfalen, als SPD-Ministerpräsident Johannes Rau für seine Partei die absolute Mehrheit holte: „Entscheidender Faktor des Wahlausgangs“, so befanden die Wissenschaftler, war die gesunkene Wahlbeteiligung, unter der die CDU zu leiden hatte.