Wiesbaden

Für Hannegret Hönes bringt der Wahlkampf erhebliche Belastungen mit sich: Neben der täglichen Arbeit als Bundestagsabgeordnete stehen nun zahlreiche Versammlungen auf dem Programm, sie arbeitet Vorträge aus und muß sich an Diskussionsrunden beteiligen. Die 40jährige Fraktionssprecherin der Grünen streitet allerdings nicht in eigener Sache: Die Angebote zweier Kreisverbände, sie als Kandidatin aufzustellen, hat sie abgelehnt und sie hat sich auch nicht um einen Listenplatz bemüht. Dem nächsten Deutschen Bundestag wird sie nicht mehr angehören.

Nach dem Wahltag im Januar nächsten Jahres wird die ehemalige Journalistin und Mutter von zwei Söhnen also erst einmal Zeit haben – zu viel Zeit vielleicht: „Natürlich fürchte ich mich davor, mir selbst plötzlich erst einmal ausgeliefert zu sein. Aber ich brauche jetzt einfach einige Monate, um zu verarbeiten, was ich im Bonner Alltag verdrängen mußte, weil ich effizient zu sein hatte. Ich muß jetzt Rückschau halten und für mich überprüfen, was war richtig, was falsch.“

Hannegret Hönes will politisch aktiv bleiben. Wird es ihr nicht schwerfallen, das Abgeordnetenbüro gegen das glanzlose Geschäft auf lokaler Ebene einzutauschen? Sie zögert, mag es dann nicht leugnen: „Die Umstellung wird sicher schwierig. Es wird mir fehlen, auf einmal nicht mehr gefragt zu werden, zunächst auch vielleicht kein öffentliches Forum zu haben. Aber die Themen, die ich in Bonn bearbeitet habe – vor allem Umweltpolitik – sind ja auch landespolitisch von Bedeutung. Und ich hoffe, daß die Leute auf meine Erfahrungen neugierig sein werden.“

Den Austausch zwischen Bund, Land und Kommune hält die Abgeordnete für wichtig – es ist ein Hauptgrund dafür, daß sie, die als Nachrückerin ins Parlament gekommen ist, noch immer Anhängerin des fast schon in Vergessenheit geratenen „Rotationsprinzips“ ist. Dieser nach festem Rhythmus erfolgende Wechsel der Mandatsträger im Amt war von den anderen Parteien heftig verspottet worden. Inzwischen erinnern sich auch viele Grüne nicht mehr so gerne an ihre – gelegentlich selbstgerechten – Reden zu diesem Thema: Die meisten Mitglieder der Bundestagsfraktion wollen am liebsten noch eine weitere Legislaturperiode im Amt bleiben.

Petra Kelly hatte sich bereits vor zwei Jahren geweigert, verabredungsgemäß einem Nachfolger Platz zu machen. Damals aber betonte sie noch, 1987 wolle sie sich endgültig aus dem Bundestag verabschieden. Mittlerweile hat sie ihre Meinung geändert: In Bayern kämpfte sie erfolgreich um einen – wenn auch wenig aussichtsreichen – Listenplatz. Hannegret Hönes verbirgt ihre Enttäuschung über diese Entwicklung nicht: „Die Offenheit und Ehrlichkeit, die Petra Kelly vertritt, wurden durch ihr Verhalten diskreditiert. Mich ärgert in diesem Zusammenhang auch, was die Basis sich bieten läßt.“

Basis ist ein Wort, das häufig fällt, wenn die Fraktionssprecherin über ihre Zeit als Abgeordnete nachdenkt. Von der rauschhaften Freude, mit der die Grünen vor vier Jahren in den Bundestag eingezogen sind – „wir haben uns als linke Avantgarde gefühlt“ – ist kaum noch etwas zu spüren. Von den ursprünglichen basisdemokratischen Vorstellungen sei nur sehr wenig übriggeblieben, meint Hannegret Hönes. „In Bonn entfernt man sich vom Wähler. Wir haben allzu schnell dem Druck der anderen Parteien nachgegeben und geglaubt, zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Damit waren wir überfordert.“