Mauerspringervideo

Ein neues Videospiel bereichert die Gamblinghalls und Spielotheken, ein ganz und gar deutsches diesmal unter all den überseeischen Importen: Wenn man die Knöpfe und Hebel recht zu bedienen weiß, bewegt sich ein Männlein in abgerissener Kluft auf Hindernisse zu, die den deutsch-deutschen Grenzbefestigungsanlagen, sprich: der Mauer, nicht unähnlich sind. Zäune sind da, Minenstreifen, ein Militärauto patrouilliert und feuert, wenn das Männlein sich zu weit vorwagt. Um „rüber“ zu kommen, muß man den Stacheldraht durchkriechen, die Minen überspringen, den Schüssen ausweichen und schließlich noch die Mauer selbst überklettern. Das bedarf erheblicher Geschicklichkeit und längerer Übung. Doch dem, der es endlich geschafft hat, blühen ähnliche Freuden wie einem wirklichen „Sperrbreeher“: Zum Empfang im Goldenen Westen quakt der Spielkasten die bundesdeutsche Hymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Man sollte das Spiel in den Fluren der DDR-Behörden aufstellen, die Ausreiseanträge bearbeiten. Zum einen vertreibt es Zeit, wovon Ausreisewillige gemeinhin viel zu viel haben, zum anderen könnte es ja eine ähnlich kompensierende Wirkung zeitigen, wie sie den diversen Kriegsspielvideos nachgesagt wird: Die Unzufriedenen spielen fröhlich Mauerspringer und ziehen ihre Anträge zurück. Und Frieden wäre an der Mauer.

In eigener Sache

Tag für Tag füllt sich der Schreibtisch des Redakteurs mit eiligen Mitteilungen, exklusiven Hinweisen, dringenden Verlautbarungen, wichtigen Ankündigungen und – doch wie kurz ist ein Tag, wie kurz ist ein Redakteursleben, wie kurz die Spalte, in der wir dem geneigten Leser wo immer, wie immer wir können und die Kraft und die Zeit und die Länge der Spalte es zulassen, auf interessante und entscheidende Vorkommnisse überall auf der Welt – denn überall auf der Welt geht etwas vor! – hinweisen, ja mit dem Kopf darauf stoßen. Oft genug aber, und dies sei an dieser Stelle einmal bemerkt, ist es nicht die Enge der Verhältnisse, die uns Einhalt gebietet, sondern einfach ein bitteres – „Zu spät!“. So erreichte uns erst lange, viel zu lange nach Redaktionsschluß ein Hinweis des Südwestfunks, daß am Sonntag, dem 30. November 1986 im dortigen zweiten Programm um 8.07 Uhr das Klaviertrio d-moll op. 16 der aus einer badischen Offiziersfamilie stammenden Musikerin Luise Adolpha Le-Beau (1850-1927) zu hören sei. Zahllose Anrufe und Anfragen enttäuschter Leser dieser Spalte zwingen uns an dieser Stelle zu erklären: Hinweise und Mitteilungen, die zu spät, das heißt, nicht mindestens 14 Tage vor dem Ereignis eingereicht werden, können von der Redaktion nicht berücksichtigt werden. Das Klaviertrio d-moll op. 16 der aus einer badischen Offiziersfamilie stammenden Musikerin Luise Adolpha Le-Beau blieb deshalb von vielen ungehört, und den Schmerz darüber nachzuempfinden darf der Leser die Redaktion und insbesondere den Redakteur dieser Spalte als durchaus in der Lage betrachten.

Shakespeare und seine Brüder

Godard, der Mann mit dem furchtbar ernsten Image, liebt das Spiel mit der Unseriosität. Das Geld für seine „Detektive“ luchste er einem Produzenten mit dem Versprechen ab, einen richtigen Gangsterfilm zu drehen. Heraus kam die lustige Zerstörung dieser Idee. Als Godard den Film präsentierte, erklärte er den Kommerzfilm für tot – und unterschrieb mit den Oberpriestern des Kommerzfilms von der Firma Cannon einen Vertrag über seinen nächsten Film. Titel: „King Lear“. Ohne daß jemand gefragt worden war, wurden Marlon Brando und Woody Allen als Hauptdarsteller verkündet und Norman Mailer als Drehbuchautor. Das klingt, dachten die Cannon-Manager, gut in Verbindung mit Shakespeare. Godard sagte kein Wort. Ihm war es auch egal, daß er als „Goddard“ auf dem Vertrag stand. Das Namensroulette um „King Lear“ geht weiter: Rod Steiger soll nun die Rolle von Lee Marvin übernehmen, der sie wohl von Marlon Brando übernommen hat. Und richtig: Prince oder Sting werden auch mitspielen. Warum nicht Boris Becker oder Mutter Teresa? Woody Allen wurde in einer Meldung zu „Woddy“. Woddy Allen in Goddards „King Leer“.