Gefährliche achtziger Jahre

Unvermittelt stoppt das Auge des Zeitungslesers. Auf Seite 3 der International Herald Tribüne bleibt sein Blick an einer finsteren Gestalt im entschlossenen Ausfallschritt haften: dunkle Gesichtsmaske, hohe Schnürstiefel, locker hängender Patronengurt, der rechte Zeigefinger am Abzug der Maschinenpistole. Illustriert das Bild einen Bericht aus Beirut oder Belfast? Die Überschrift macht stutzig: „Er hat dem Reisezauber eine neue Dimension gegeben.“ Nanu, denkt der Leser und studiert den Text – der Anzeige. Die „neue Dimension“ entpuppt sich als „grausige neue Gefahr“: Flugzeugentführung, Rebellion, Terroristenangriff, Krieg, Aufruhr, Bombenexplosionen, zivile Unruhen oder Kidnapping. Gegen all diese Fährnisse des modernen Reisens können sich Europäer und Amerikaner (warum eigentlich nur sie?) rund um den Globus bei einem britischen Unternehmen versichern lassen. Mit dem Versicherungsplan „H.A.R.M.“-Hijacking and Associated Risks Module bietet das Traditionshaus (gegründet 1807) ganz auf der Höhe der Zeit „kostengünstigen Schutz gegen die ganz realen neuen Risiken des Lebens in den gefährlichen achtziger Jahren“. Sicher in die neunziger!

Keine roten Augen

Lang ist es her, daß die offiziellen Medien der Volksrepublik China selbstlose Streiter für Revolution und Kommunismus den in tristes Blau gewandeten Massen als Vorbilder hinstellten. Die neue Ära der Liberalisierung, der Privatwirtschaft und des Konsums scheint ohne idealisierte Vorbilder auszukommen. Jetzt aber präsentierte die staatliche Nachrichtenagentur Neues China ihren Lesern einen geradezu vollkommenen Helden der kapitalistischen Arbeit, den Bauern Wang Tingbao aus Jiangying in der Provinz Jiangsu, „vielleicht der reichste unter den neuen reichen Bauern Chinas“. Vor sieben Jahren begann der heute 42jährige mit der Perlmuschelzucht in den Wassergräben zwischen seinen Feldern und verdient heute umgerechnet etwa 110 000 Mark im Jahr, zwanzigmal mehr als eine durchaus gut verdienende Normalfamilie im chinesischen Dorf. Früher, berichtet Neues China, hätten die Nachbarn Wangs deswegen sicher „rote Augen“ bekommen (das geschieht Chinesen in Situationen, in denen sich Europäer grün vor Neid verfärben), jetzt aber nehmen alle den erfolgreichen Nachbarn und überzeugten Kommunisten Wang zum Vorbild.

Scheidung auf argentinisch

Seit der Demokratisierung Argentiniens beschäftigen sich seine Parlamentarier mit der Einführung der Ehescheidung. Das südamerikanische Land gehört zu den wenigen Staaten der Welt, deren verheiratete Bürger keinen Möglichkeit zur Scheidung haben – von der katholisch-kirchenrechtlichen Eheauflösung abgesehen. Nachdem das Abgeordnetenhaus in Buenos Aires im August mit großer Mehrheit ein Scheidungsgesetz beschlossen hat, warten die Argentinier auf die Verabschiedung des Gesetzes durch die zweite Kammer, den Senat. Der freilich läßt sich Zeit, um den für April 1987 vorgesehenen Besuch des Papstes in Argentinien nicht zu belasten. Dieser Überlegung mochte Argentiniens Oberster Gerichtshof natürlich nicht folgen: Die Richter erklärten das Ehescheidungsverbot schlicht für verfassungswidrig. Jetzt gilt das katholische Scheidungsverbot nur noch in sechs Staaten: den Philippinen, Irland, Paraguay, Malta, Andorra und San Marino.