Von Heinz Blüthmann

Eigentlich hätte die Automobil-Branche in Europa nun wahrlich Grund zum Jubeln. Die schlechten Jahre sind erst einmal vorbei, und gleich sind schöne Rekordzahlen zu melden. Vier Milliarden Mark Gewinn wird der wichtigste europäische Industriezweig in diesem Jahr einheimsen, dreimal soviel wie 1985. Für den, der das nicht richtig zu würdigen weiß: In den vier Jahren von 1981 bis 1984 haben die Autofirmen zusammen immerhin beinahe fünf Milliarden Mark in den Sand gesetzt.

In keinem Jahr vorher kauften die Europäer so viele neue Autos wie 1986: Über 11,3 Millionen Wagen werden es wohl sein – noch einmal 700 000 Fahrzeuge mehr als im bisherigen Rekordjahr 1979.

Die Deutschen fahren mit Höchstleistungen an der Spitze des Euro-Booms. Am Ende des Jubiläums-Jahres zum hundertsten Geburtstag des Automobils wird feststehen: Nie zuvor produzierten und erwarben sie so viele Personenwagen und Kombis wie 1986; von den Bändern in Wolfsburg, Stuttgart und Rüsselsheim sind mehr als 4,3 Millionen Wagen gelaufen und über 2,7 Millionen neu in den Verkehr gekommen.

Dem neuen Opel-Chef Horst W. Herke schwante bereits vor Monaten: „Die Konstellation ist einmalig. Was Geldwertstabilität, Wirtschaftswachstum und Kaufkraftentwicklung anbelangt, ist der Rahmen fürs Autogeschäft selten günstig.“ Frage: War es also ein Traumjahr?

Die Antwort: Es hätte eines werden können. Dafür, daß die Freude nicht ungetrübt ist, haben die japanischen Konkurrenten gesorgt. Sie waren im Boom wieder einmal schneller als die angestammten Hersteller der Alten Welt und erkämpften sich noch höhere Marktanteile: Jeder achte Neuwagen, der in Europa einen Abnehmer findet, stammt mittlerweile aus japanischer Fabrikation. Vor vier Jahren fanden die Autos von Toyota, Nissan, Honda, Mazda, Mitsubishi & Co nur halb so viele Käufer.

Eine Heimniederlage gegen die Fernost-Konkurrenz erlitten auch die deutschen Hersteller: Weil Preise, Komplettausstattung, Modellpolitik und Lieferfähigkeit der Japaner attraktiver erschienen, nahmen ihnen bundesdeutsche Käufer in den ersten zehn Monaten dieses Jahres ein Drittel mehr Autos ab als im selben Vorjahreszeitraum. Die gesamten Neuzulassungen in der Bundesrepublik wuchsen aber lediglich um gut sechzehn Prozent.