Vielen Baudenkmälern, schrieb der hessische Konservator Michael Kummer, gehe es heute kaum besser als früher, „die Methoden der Zerstörung sind nur subtiler geworden“. Nicht wenige Gebäude, fand sein Stuttgarter Kollege August Gebeßler, würden am liebsten „auf neuwertig so herausgeputzt, daß ihnen alle Altersspuren und damit auch ihr geschichtlicher Erfahrungswert genommen“ werde. Der Berliner Landeskonservator Helmut Engel, von dem Radioreporter Robert Frank gefragt, ob er mit dem soeben wieder eröffneten Gropius-Bau in West-Berlin ähnliches vorhabe und eines Tages doch „die ganze (alte) Farbigkeit“ zurückhaben wolle, antwortete: „Ja!“

Gewiß träumt er davon, diesen imposanten, zugleich heiteren und würdigen Ausstellungspalast so vollständig wie möglich in seinen Urzustand zurückzuversetzen – wenn es nur ginge; denn das Ansinnen konkurriert mit einer anderen, ehrlicheren Devise, einen historischen Bau nicht so wieder herzustellen, wie er einmal war, sondern mit den Malen seiner Geschichte. Das Baudenkmal sei ja, wie Michael Kummer es formulierte, „nicht nur in seinem äußeren Erscheinungsbild, sondern in seiner umfassenden Existenz (das heißt mit innerer Ausgestaltung, Geschichts- und Gebrauchsspuren) von Interesse“. Er sagte weiter: „Es kann kein denkmalpflegerisches Ziel sein, den Altbau zum Neubau zu glätten.“

Das wäre beim Gropius-Bau, dessen neuer Ruhm mit der „Schinkel“-, der „Preußen“- und der „Zeitgeist“-Ausstellung längst begründet worden ist, guten Gewissens gar nicht möglich. Spötter reden von einem „Photorealismus der Rekonstruktion“, weil für die Wiederherstellung kaum Pläne, sondern vor allem alte Photographien als Vorlage herhalten mußten, dazu ein paar Reste vom Dekor, die in der Entstehungszeit vor gut hundert Jahren als Bauschutt vergraben und deshalb nicht wie die anderen originalen Teile aus der verwitternden Ruine gestohlen worden sind.

In der DDR haben sich Politiker und Denkmalpfleger solchen Gebrechen zum Trotz darauf geeinigt, „Altbauten zu Neubauten zu glätten“: Die Semper-Oper in Dresden ist in ihre alte Pracht zurückverwandelt worden; auch dem Architekten dort sind nicht nur einmal Zweifel daran gekommen, und selbst die Bewunderer der neu erworbenen Handwerkskünste fröstelt es bei ihrem Staunen über das so brandneue 19. Jahrhundert.

Der DDR und ihren Denkmalpflegern gelingt es ja sogar, sich einen irgendwie als historisch empfundenen Stil zusammenzubasteln, ihn für knobelsdorffisch oder schinkelsch auszugeben und sich darin gemütlich zu fühlen. Dieser seltsamen Erfolge eingedenk, kann man dann auch die Versuchung der West-Berliner verstehen, im ehemaligen Kunstgewerbemuseum des Architekten Martin Gropius, des Großonkels vom Bauhaus-Gropius, den Glanz der zerstörten Vergangenheit neu zu beschwören. Zeigen nicht viele Leute auf die DDR und ihre sinnesbetörenden Baugeschichts-Fälschungen und fragen: warum denn nicht auch wir?

Nein, eine Fälschung ist an der Prinz-Albrecht-Straße, in deren Mitte unübersehbar die Mauer verläuft, nicht erstrebt und nicht gebaut worden. Das Ergebnis dieser Restauration, die vor allem eine Rekonstruktion ist, jagt einem keinen Schrecken ein – aber das beste, das sich hätte denken lassen, ist es bei weitem nicht: Das Alte ist zu prächtig und nicht immer echt, das Neue ist zu zaghaft, vor allem ist es zu ungefüge und somit der eleganten, im Äußeren Schinkel, im Innern Semper verpflichteten Architektur des Martin Gropius und seines Partner Heino Schmieden nicht angemessen.

Das Gebäude hat eine glänzende und eine matte Geschichte. 1881 vis-à-vis dem preußischen Landtag eröffnet, enthielt das Kunstgewerbemuseum eine Lehranstalt, eine Bibliothek und eine Sammlung. Nicht nur in der Sammlung, sondern auch am Gebäude und seiner Ausstattung selbst sollten sich der Einfallsreichtum und das Können des Kunstgewerbes zeigen; die Pracht hatte einen erzieherischen, aber auch einen Werbeeffekt.