Von Cordt Schnibben

Ginge es nach Michael Schirner, würden im Moment auf Deutschlands Plakatflächen merkwürdige Dinge miteinander streiten. Eine Leberwurst wäre zu sehen, gepaart mit dem Kopf Kohls, unter der Überschrift: „Die Leberwurst liebt den Kanzler.“ Auf dem Plakat nebenan sähe man ein Baby, Überschrift: „Der neueste Rau.“ Gegenüber ein Lockenwickler und wieder der Kohl-Kopf: „Der Lockenwickler liebt den Kanzler.“ Auf der Wand daneben Gorbatschow und Reagan, mit den Sprechblasen: „Rau ist ein Freund der Amerikaner.“ – „Rau ist ein Freund der Russen.“

Schirner zieht immer neue Pappen hervor. „Hier, die Bettwurst liebt den Kanzler, na, vielleicht etwas extrem ... aber die, ist die nicht toll: Der Toilettenrollenhut liebt den Kanzler.“ Das Schwierigste sei gewesen, den korrekten Ausdruck für die gehäkelten Überstülper herauszufinden. Erzdeutsche Dinge mit Kohl zu verbinden – das sei das Beste, was die CDU in diesem Wahlkampf tun könne: Aus der Position des Stärkeren heraus mit verblüffender Selbstironie Sympathien und Stimmen sammeln.

Ja, die Leberwurst meine er ernst, sagt Deutschlands einfallsreichster Werber, so ernst, wie er Werbung überhaupt nehme. Dabei grinst Schirner breit. Immerhin nimmt er Werbung so ernst, daß er sie in den letzten 15 Jahren verändert hat wie kein Zweiter in der Bundesrepublik. Und immerhin nahmen und nehmen ihn IBM, Gruner + Jahr, die Post und andere Unternehmen so ernst, daß sie Hunderte von Millionen Mark zur Verwirklichung seiner Ideen bereitstellten und bereitstellen.

Das allein sagt freilich noch nicht viel, denn nirgendwo außerhalb der Schwerkriminalität können große Spinner und schwache Köpfe so leicht an Millionen herankommen wie in der Werbebranche; aber Schirner hat ganz vernünftige Sachen mit dem vielen Geld gemacht.

Er hat das Großflächenplakat neu erfunden, indem er einen kleinen matschigen Kartoffelpuffer zwei Meter groß druckte, „Das jüngste Gericht“, „Zwölf Uhr mittags“ oder „Mit Kohldampf voraus“ darüber schrieb und so der Branche zeigte, daß Plakate mehr sein müssen als vergrößerte Anzeigen. Er hat erstmals in der deutschen Werbung den Effekt von Alkohol gezeigt – daß man davon besoffen wird. Er hat zum Wohle der deutschen Tapetengemeinschaft Gefängniszellen und Affenkäfige tapeziert. Er hat für Jägermeister die Unikatanzeige erfunden, die Anzeige, die immer nur einmal erscheint. Er hat den nackten Mann in die Werbung eingeführt. Und er hat die simpelste Anzeige der Werbegeschichte geschaffen: „schreIBMaschine“.

Schirners Kampagnen haben die verblüffende Einfachheit einer Scharlatanerie, die neugierig darauf macht, ihren Haken zu finden. Man sucht in der Regel vergebens. Schirner ist ein genialer und geübter Vereinfacher. Früh hat er sich von Werbeoperetten verabschiedet, jenen in der Branche üblichen Inszenierungen vorgetäuschter Wirklichkeit: den über Waschmittel debattierenden Hausfrauen, den Deo-suchenden Familien, den mit Glyzerintropfen aufgefrischten Weintrauben.