Taschenkalender für Bekenner

Die praktischsten Modelle seit der Erfindung des Taschenkalenders sind biegsame Büchlein, sie passen in jede Jeans Hosentasche. Außerdem sehen die Jahresbreviere erbaulichen Gebetbüchern verblüffend ähnlich.

Das ist gewiß kern Zufall. Denn diesen Kalender Typus gibt es mittlerweile für die unterschiedlichsten Arten von Bekennertum. Frauen beispielsweise können sich und anderen ihre Identität tagtäglich vor Augen führen - je nach Bewußtseinsrage entweder kämpferisch durch Lila und Lebensschlüssel vom „Frauenkalender" oder aber zahmer durch das ßngftte Jahresjournal. Geschlechtsneutral lassen sich Beruf (Lehrer) oder Gesinnung (friedlich, ökologisch) zum Ausdruck bringen, und selbst der Astro Kalender für esoterisch Angehauchte fehlt nicht im Sortiment. Jetzt endlich - es muß im Leben mehr als alles geben", meint mit Stendhal der Unterwegs Verlag- darf auch Ferien Ideologie ganzjährig zur Schau gestellt werden: Der „Reisekalender 1987" (9 80 Mark) weist Globetrotter aus. Das Werk soll, sagt die Kalender Redaktion, „ein wenig daran erinnern, daß es mehr gibt als den Alltag" - ein völlig überflüssiges Vorhaben, da sich doch jeder manchmal fortwünscht in exotische Dschungel, auf vergessene Eilande.

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Aber es ist ein großer Unterschied, ob man seinen eskapistischen Gelüsten freien Lauf läßt oder ob man sie sich von einem Traveller Kalender ins Raster pressen läßt. Muß mans tatsächlich Tag für Tag schwarz auf weiß haben, wer wo in aller Welt gerade feiert oder Ferien macht, während man sich selber zu Hause mit dem ganz banalen Leben abmüht? Über weltweit festtagsfreie Perioden hilft sich der Reisekalender obendrein mit einer skurrilen Auswahl historischer Gedenktage hinweg. Che Guevaras Ermordung, der Waffenstillstand 1918, Martin Luthers Thesen, Tschernobyl oder der erste Transatlantik Nonstopflug fügen sich dem Leser zum verwirrenden Historien Puzzle.

Dafür wird ihm jedoch genauestens dargelegt, wo es 1987 im Urlaub langgehen sollte. Schluß mit den Phantasiereisen in die fernsten Winkel der Welt, der Kalender scheucht seinen Besitzer zu Zielen, die so trivial wie abgeklappert sind: auf die Balearen, auf die Kanarischen Inseln (natürlich im Winter), nach Griechenland, Spanien und in die Türkei. Den Alternativen werden Albanien und Kuba wärmstens empfohlen, ein bißchen Exotik fällt lediglich für Skifahrer ab: Bormio, Macugnana und Kranjska Gora finden sich unter den nur neun Gebietstips für die Alpen.

Zu den drei besten Festen 1987 zählt selbstverständlich der Karneval in Rio „Wer zählt die Beraubten, die Pleitegegangenen, die Toten dieser Tage? In Rio zählt sie niemand, und warum sollen wir päpstlicher sein?" fragt frank und frei die Redaktion, denn: „Rios Karneval ist ein Festival der natürlichen Liebe. Jede Moral wird entlarvt, wird zur Farce Solch sinnenfrohe Details fehlen im Kapitel „Zum Karneval in Venedig". Vom Mummenschanz in der Lagunenstadt ist ausschließlich zu erfahren, daß er sich „mehr und mehr zum Alternativ Treff" mausert. Der Rest ist Platitüde: „Man weiß nicht mehr so richtig, wovon die Stadt mehr überschwemmt wird, von Touristen oder vom Wasser "

Was die Kalender Macher vor Freude überschäumen läßt, das demonstrieren sie mit einem Urlaubs Schnappschuß auf Seite 167: Ein junger Mann mit wallendem Haar drückt links eine bleiche, rechts eine rassige dunkle Bikini Schönheit an sich. Das Bild mit dem Titel „Ferienglück" entlarvt den Widerspruch der alternativen FerienApostel. Allen hehren Ansprüchen des Andersund Besserseins zum Trotz tummeln sie sich auf jedem Gemeinplatz.

Warum werden zum Beispiel Venedig, warum Sizilien oder Luzern als Ziele empfohlen? Eine fadenscheinige Ausrede entringt sich die Redaktion in der Rubrik „Reisen in die Dritte Welt": „Weilja, weil wir natürlich wie alle nachdenklichen und mit Tourismus befaßten Menschen Bauchschmerzen haben, wenn wir Tips für Trips in die Dritte Welt geben Damit solch Leib- und Seelengrimmen „verantwortungsbewußte und sanfte Traveller" verschont, gibt es denn auch gleich ein paar Präventiv Vorschläge gegen „imperiale Arroganz": „Lesen, Vorträge besuchen, auch mal einen ganzen Uni Kurs mitmachen " Die Ideen sind nicht abwegig, danke schön. Zur Linderung der Gewissensnöte der Kalenderproduzenten zuletzt ein kleiner Gegenvorschlag: „Wachen, lesen, lange Briefe schreiben ", wo auch immer auf der Welt. Denn für ratsuchende Unternehmungslustige gibts ja glücklicherweise auch noch das gute alte Reisebüro ho

 
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