BundesligaFlanke von links?

Die Profifußballer wollen noch in dieser Saison eine eigene Gewerkschaft gründen

Streiks? Nein, Streiks werde es nicht geben, sagt der Bremer Benno Möhlmann. Den Fußballfans fällt ein Stein vom Herzen, denn der Bundesliga schien Gefahr zu drohen. Die Berufskicker gründen eine Gewerkschaft, stand letzte Woche in den Zeitungen. Da hatte man natürlich gleich an Arbeitskämpfe gedacht. Aber diese Befürchtungen sind nun ausgeräumt, und die Entwarnung geht sogar noch weiter: Das Wort Gewerkschaft, sagt Möhlmann, gefalle ihm ohnehin nicht, Interessengemeinschaft sei besser. Denn: „Wir sind nicht radikal. Das System wollen wir nicht verändern.“

Der Ball bleibt rund, ein Spiel wird auch künftig neunzig Minuten dauern – Sepp Herbergers Sprüche behalten Gültigkeit. Aber etwas soll sich doch ändern: Die Spieler wollen nicht mehr Sklaven der Vereine sein. Zwölf Mannschaftskapitäne trafen sich deshalb vorletzten Sonntag zu einem Meinungsaustausch. Resultat nach fünf Stunden: Noch in dieser Saison soll für die knapp achthundert Lizenzspieler der ersten und zweiten Bundesliga eine Gewerkschaft/Interessengemeinschaft gegründet werden.

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Initiator Möhlmann, seit dreizehn Jahren Profi, hat immer geärgert, „daß die Spieler keinen Einfluß haben“. Die Vereine diktieren die Verträge, legen Ablösesummen fest, planen Neuerungen wie Winterpause oder Hallensaison. Die Spieler werden nicht gefragt. Sie sollen kicken, nicht denken und schon gar nicht mitreden.

Fußballprofis sind manchmal Stars, aber ganz gewiß nie mündige Arbeitnehmer. Ihr arbeitsrechtlicher Status ist so rückständig wie wohl in keiner anderen Branche. Belege für diese Feststellung liefert ein Blick in den Musterarbeitsvertrag des Deutschen Fußballbundes für Lizenzspieler. Da heißt es zum Beispiel:

  • „Der Spieler überträgt dem Verein die Verwertung seiner Persönlichkeitsrechte ...“
  • „Äußerungen in der Öffentlichkeit ... bedürfen der vorherigen Zustimmung des Vereins.“
  • „Den Anweisungen des Trainers bezüglich der Lebensführung (ist) Folge zu leisten.“
  • „Der Spieler entbindet den jeweils behandelnden Arzt gegenüber dem Vorstand von seiner Schweigepflicht.“
  • „Der Urlaub ist... zum Zwecke der Erholung zu nutzen.“

Die Spieler unterzeichnen diese Knebelverträge meist ohne Widerspruch. Denn die Selbstentmündigung wird fürstlich bezahlt. Zwar kassiert nicht jecer Mitläufer eine halbe Million Mark im Jahr. Solche Summen können nur Stars wie Lothar Muthaus oder Rudi Völler fordern. Doch offensichtlich reichen auch hunderttausend Mark, um einen großen Teil seiner Persönlichkeit herzugeben. Wer so denkt, nimmt auch hin, daß nicht einmal scheinbar selbstverständliche Regeln des Arbeitslebens eingehalten werden. In einigen Vereinen wird der Kapitän, also der Spielervertreter, nicht von der Mannschaft gewählt, sondern vom Trainer bestimmt.

Der Transfermarkt für Fußballprofis funktioniert nach den Regeln des Sklavenhandels. Wer die höchste Ablösesumme bietet, bekommt den Zuschlag. Ob München oder Mannheim – die Spieler können kaum beeinflussen, welches Trikot sie in der nächsten Saison tragen werden. Von freier Arbeitsplatzwahl kann keine Rede sein. Wer Pech hat, verliert durch dieses System sogar auf Dauer seinen Job.

Der Zweitligaklub Arminia Bielefeld zum Beispiel kündigte seinem Torwart Wolfgang Kneib, verlangte aber eine so hohe Ablösesumme, daß kein anderer Verein interessiert war. Kneib lebt nun von Arbeitslosenunterstützung. Die Bundesanstalt für Arbeit will sich das Geld von Arminia Bielefeld zurückholen, da der Verein den Torwart an der Berufsausübung hindert. Das Landesarbeitsgericht Nordrhein-Westfalen muß bald über diesen Streit verhandeln.

Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) beschäftigt einen Mitarbeiter, der eigentlich für faire Bedingungen im Profifußball sorgen soll. Doch Günter Ploß, Leiter der Fachgruppe Fußball, ist weit davon entfernt, so etwas wie Tarifpartner der Vereine zu sein. Weder auf Verträge noch auf das Ablösesystem hat Ploß Einfluß, obwohl er immerhin knapp ein Fünftel der Berufskicker vertritt, meist Zweitligaspieler.

Wenn sie die Sache selbst in die Hand nehmen, so hoffen die Profis, werden sie den Vereinen irgendwann Paroli bieten können. Drei hauptamtliche Kräfte, ehemalige Spieler am besten, sollen die Interessen der Kicker vertreten. Vorbilder für starke Spielergewerkschaften gibt es im westeuropäischen Ausland genug. In Spanien fiel schon mal ein kompletter Spieltag aus, weil die Fußballer streikten.

Wolfgang Klein, Präsident des Hamburger SV und damit quasi Arbeitgebervertreter, sieht für die Gründung einer Spielergewerkschaft „überhaupt keine Veranlassung“. Die Verträge seien so geschneidert, daß sie die optimale Vermarktung der Spieler erlauben. Nur so sei das Geld für die hohen Gehälter zu beschaffen. „Wenn die Spieler andere Verträge wollen“, sagt Klein, „werden sie weniger verdienen.“

Dirk Kurbjuweit

 
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