Erich Mühsam: „In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein“, Briefe 1900-1934

Ein Leben in Briefen – die schönste Erich-Mühsam-Biographie, die ich kenne; und die zu danken ist einem offenbar unermüdlichen Spurensicherer dieses liebenswerten Anarcho-Bohemiens.

Vom ersten Brief, im Mai 1900 an Hermann Sudermann, unterschrieben „Erich Mühsam, Pharmazeut“, bis zur letzten Botschaft aus dem KZ Oranienburg an seine „Liebste Zenzl“, Juni 1934 (vier Wochen vor seiner bestialischen Ermordung): ein atemberaubender Lebensbogen.

Mäusearm und unbestechlich sein Leben lang, oft ohne die Briefmarke für die Postkarte an Karl Kraus (aber mit dem Tripper von dessen Freundin), doch rigoros mit eben diesem Gönner, publizistischem Helfer und gelegentlichem Geldpumper brechend, als sein sprichwörtlicher Geifer über Maximilian Herden schäumte; gelobt von Alfred Kerr, zankend mit dem Verleger Kurt Wolff, aber die Stücke bei Piscator aufgerührt, in den Hauptrollen Ernst Busch und Alexander Granach; sich verwahrend gegen eine kompromißselige SPD wie gegen eine menschenverachtende KPD, aber mit Lunatscharski verhandelnd um die Amnestie politischer Gefangener in der Sowjetunion; eingesperrt (länger als der Herr Hitler) zu Beginn der Republik – 1919 bis 1924 – und an ihrem Ende: der herrliche Rotschopf, der von so manchem Buchumschlag (etwa Roda-Rodas) prangte, und der Bänkelsänger, dessen „Lampenputzer“-Lied Wolfgang Neuss noch in Zadeks „Rotmord“-Film sang, war ein so rührender wie frecher, naiver wie militanter, obszön-frivoler wie zärtlicher Mensch. Ein Dichter von Gnaden, ein Charakter von Gnaden, George Grosz hat das Gesicht dieses Opfers nicht zufällig in seine grauslichen SA-Täter-Bilder hineingezeichnet.

Ein Dank dem besessenen Herausgeber (Gerd W. Jungblut) und dem kleinen Verlag, die diese gewiß mühevolle Edition zusammen erarbeitet haben (Topos Verlag, Vaduz/Liechtenstein; 2 Bände, 927 S., 160,– DM); sie gibt das eindringliche Porträt eines Menschen, dessen Lebensmotto sein eigener Satz sein könnte: „Ich soll aller Welt helfen und kann mir selbst nicht helfen.“

Fritz J. Raddatz

Jochen Beyse: „Das Affenhaus“, Erzählung

Tarzan ist wieder da! Jochen Beyse, der für seine Novelle „Der Aufklärungsmacher“ 1985 mit dem Aspekte-Literaturpreis dekoriert wurde, hat jenes Legendenwesen mit Hilfe einer gleichermaßen ins Philosophische wie Phantastische getunkten Brotkruste aus dem Urwald des zivilisatorischen Unterbewußtseins hervorzulocken versucht. Der Zivilisationsprozeß vom Lendenschurz bis ins Kantsche Kategorien-Korsett soll rückgängig gemacht werden. Mensch und Natur, Denken und Handeln, Körper und Geist, Aufklärung und Mythos – all dies hat den 37 Jahre alten Autor schon im „Aufklärungsmacher“, dort als Vater-Sohn-Konflikt zwischen dem Lessing-Intimus Friedrich Nicolai und dessen Sohn Moritz, literarisch inspiriert. Ja, zerrissen ist sie, die Moderne, selbst im Grünen. Denn unser Protagonist ohne Erzählkontinuum fabuliert sich mit üppiger Bildungs-Brillantine eine doch wohl eher essayistische denn erzählerische Phantasmagorie zusammen. Orte der Handlung und Reflexionen: ein Altenheim für Hollywood-Veteranen und ähnliche Zivilisationsopfer, wie etwa Künstler und Literaten, dann, im anderen Buchteil, eine Jagdkanzel im oberen Kongo-Dickicht. Doch hätte man keinen Klappentext, die Ortssuche wäre nicht minder kompliziert wie die nach Dr. Livingstone. Die Jagdkanzel als Affenhaus, der Affenmensch Tarzan als neu gedachter Evolutionsbeginn, die Menschwerdung des Affen als Literaturwerdung der immer wieder bespiegelten eigenen Dichterexistenz: Aus diesen Elementen zimmert sich Jochen Beyse ein vorgeschichtliches Gehege zusammen, den Idealort für Geist und Körper, eingebettet in den paradiesischen Urzustand der Natur. Doch Geistes- und Naturmensch, beide befinden sich auf ihrer entgegengesetzten Sinnsuche ins letztlich Unerreichbare. „Selten erreicht ein Geschöpf meine Höhen“, dies lesen wir als den ersten und letzten Satz des 117seitigen Textes (List Verlag, München 1986; 24,80 DM), der an einer kunstvoll geknüpften Liane, zwischen illusionsträchtigem Theorem und poetischer Fabel hin und her schwingt. Daß auch Leser derartige Geschöpfe sind, hat Beyse bisweilen außer acht gelassen.

Roland Groß

Sven Delblanc: „Samuels Töchter“, Roman

Für die Hinterbliebenen des alten Sam ist die Zukunft „dunkel wie eine Winternacht“. Sie stehen im Schatten jenes fanatisch-religiösen Dorfschullehrers, dessen aufregendes Leben Delblanc in „Samuels Buch“ (1984) erzählt hat. Nun, zu Beginn der zwanziger Jahre, sind die Töchter erwachsen und heiratsfähig, aber dennoch durch allerlei Umstände nach dem Tod des Vaters gezwungen an der Frauenwirtschaft in einer von Männern konditionierten Welt festzuhalten. Wie geht das, und vor allem: Geht das gut? Mit „Samuels Töchter“ (aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maass; Klett-Cotta, Stuttgart 1986; 336 S., 39,80 DM) geht die als romanhafte Tetralogie angelegte autobiographische Familiensaga über den gesellschaftlichen Verfall in der von Kriegswirren und Industrie verschonten, stillen und abgelegenen Provinz Värmland in ihre zweite Runde. Im Mittelpunkt des Romans steht Maria Eriksson: Sie ist als Schulfräulein in einer Nachbargemeinde angestellt und kann für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen. Doch beschert ihr diese Freiheit vor allem die Verachtung derer, die nicht darüber verfügen, und das macht sie zur Außenseiterin. Um dazuzugehören bleibt nur die Unterwerfung unter einen Mann. Den Schwestern Elin und Rebecca geht es nicht besser. Das Erstaunliche an dieser Prosa, die dem traditionellen Muster vom Auszug aus dem als Enge empfundenen Zuhause über Fremderfahrungen und Scheitern bis hin zur resignierten Heimkehr folgt, ist die Wahl der Frauenperspektive, aus der ein Mann hier schreibt. Delblanc verwechselt dabei allerdings Einfühlung mit Schwülstigkeit, in den unterschiedlichen inneren Monologen gelingt nur selten eine eigenwillige Personencharakteristik, und auch im Zusammenspiel mit der ironischen Distanz des Erzählers ist noch lange kein Bruch mit den Konventionen erreicht. Lutz Tantow