Über alle Mauern der Stadt hinweg

Berliner 750-Jahr-Feier: Kommt Honecker, fährt Diepgen?

Von Robert Leicht

Wann jemals wären Jubiläen reine Jubeltage? Erinnerungen beschwören nicht nur die Verdienste, sondern auch das Versagen. Wohl zeigt die Revue der Epochen die Fülle erfahrener Möglichkeiten – doch als vergangen und unwiederbringlich. Zugleich kehrt aber auch all das Unmögliche ins Gedächtnis zurück – verfehlte Ziele und verwerfliche Taten, die nie hätten geschehen dürfen. Triumph und Trauer, Stolz und Scham – Jubiläen als melancholische Musterung der eigenen Geschichte!

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An keinem anderen deutschen Ort ist dieses Zwittergefühl deutlicher zu spüren als in Berlin, das in den kommenden Monaten im Zeichen seiner 750-Jahr-Feier steht. Die geteilte Stadt ist zum Symbol für die Doppelnatur deutscher Geschichte geworden: Aufbau und Zerstörung, Hochmut und Erniedrigung, Schuld und Sühne – all dieses ging aus von dieser Stadt und schlug auf sie zurück. Berlin bringt beides zum Vorschein: Die Teilung der Nation – und ihre Verbindung in Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat diesen klaffenden Zusammenhang einmal auf die Formel gebracht, solange das Brandenburger Tor geschlossen bleibe, sei die deutsche Frage offen. Niemand weiß des deutschen Rätsels Lösung, doch kennen wir alle seine Verknüpfung.

Die 750-Jahr-Feier der ehemaligen Reichshauptstadt konnte von Anfang an nicht als rein kommunale Parallelaktion abgetan werden. Jeder mußte damit rechnen, daß dieses Jubiläum seine innere politische Dynamik, wenn nicht gar Dramatik entwickelt. Weil Berlin ein Symbol für die geteilte Nation ist, wird die Sichtung der Geschichte zwangsläufig zu einem Test auf die Zukunft, zur Musterung der Möglichkeiten – an der Nahtstelle der antagonistischen Systeme.

Wird der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen am 23. Oktober zum Jubiläums-Staatsakt nach Ost-Berlin fahren? Wird Erich Honecker am 30. April zur Westberliner Jubiläumsveranstaltung kommen? Dem Gesetz der symbolischen Zuspitzung folgend, ist diese Besuchsfrage zum Kriterium geworden, an dem sich die aktuelle Lage der Stadt ablesen läßt, an dem Absichten und Perspektiven deutlich werden, hier wie dort.

Vielen hat das Hin und Her um Diepgens Antwort auf die Ostberliner Einladung schon viel zu lange gedauert; der Regierende Bürgermeister hätte längst zusagen müssen. Andere mögen eine Aufforderung an Honecker als veritable Gegen-Einladung ausgedacht haben, um eine Absage regelrecht zu provozieren und damit auch Diepgens Stadtfahrt zu stoppen. Doch auf solche taktischen Mätzchen konnte Diepgen sich nicht einlassen; sie wären unwürdig und auf längere Sicht äußerst schädlich. Wie immer sich das Pro und Contra im Lauf der Monate verschoben haben mag (für beides gab es gute Gründe, vielleicht haben auch die Beteiligten erst nach und nach die Dimension ihrer Projekte erkannt) – das Zuwarten und Ausloten hat sich gelohnt Seit Dienstag herrscht eine neue Lage: Jetzt stehen sich zwei Einladungen gegenüber, Honecker an Diepgen, Diepgen an Honecker.

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