West 3, Freitag, 13. März: „Wiedersehen mit der Revolution“ von Daniel Cohn-Bendit und Steven de Winter, 1. Teil: Der Aufstand (weitere Folgen am 20. 3., 27. 3. und 3. 4.)

In schwindelerregender Schnittfolge und aus dem Off, begleitet vom harten Sound der „Who“, dreschen Polizeimannschaften auf Demonstranten ein. „Der Aufstand“ – kein Zweifel, der Vorspann wird dem Titel der ersten Folge des Vierteilers „Wiedersehen mit der Revolution“ durchaus gerecht. Doch wie harmlos geht es weiter!

Kaum haben die Pariser Studenten dies Frühlings 1968 ihren flehenden Einzeiler „Dany, Dany à Paris!“ skandiert, da erscheint er auch schon in Wort und Bild. Gleichsam als Lichtgestalt im heillosen Durcheinander rebellierender Kommilitonen. Daniel Cohn-Bendit ist (neben Steven de Winter) der Autor dieser französisch-niederländischen Co-Produktion. Dies mag als Erklärung für die perfekte Selbstinszenierung dienen. Seine Eitelkeit freilich ist damit kaum zu entschuldigen.

Selbstzweifel scheinen nicht die Sache des Dany le Rouge. Wenn er sich mal als resoluter Studentenführer 1968, mal als fröhlicher Radfahrer am Main und Hobbykoch heutiger Tage präsentiert, so versteht er dies nicht als Ironie, sondern als Demonstration der Fortführung alternativer Lebenspraxis. „Die sechziger Jahre prägten meine Generation. Heute lebe ich in Frankfurt und gebe die Stadtzeitung Pflasterstrand heraus.“ Prompt sieht man die Redaktionsstube und Genossen in dünnen Hemdchen, die etwas von „Solidarität“ nuscheln. Sodann macht er sich auf die Suche nach den „Revolutionären meiner Generation“.

Der Weg führt ihn zunächst nach Amerika. Erinnerungsbilder und -klänge aus Woodstock schieben sich ein. Nun steht er vor Abbie Hoffmann, einst Kopf der Yippies. „Good times“ seien das damals gewesen, Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Vietnam natürlich. Heute zeigt sich HerrHoffmann als verantwortungsbewußter Familienvater vor einem Tulpenstrauß, aber der in der Vergangenheit bohrende Dany ist einigermaßen beruhigt: „Abbie gibt den politischen Kampf nicht auf.“ Er ist Naturschützer.

Sichtlich unzufriedener ist Dany mit der Entwicklung Jerry Rubins. Er, der die Parole „Do it“ ausgab und dereinst Geld verbrannte, geht heute ohne Kreditkarte nicht mehr aus dem Haus. Fassungslos steht Dany vor ihm: „Du kämpfst nicht mehr gegen den Staat!“ Jerry, heute Jogger und Edel-Yuppie, führt seinen zornigen Freund zum Geheimnis seiner neuen Lebensphilosophie: ein gewaltiger Küchenschrank, bis oben gefüllt mit den verschiedensten Vitaminpillen. „Ich kümmere mich um meinen Körper, als ginge es um die Revolution.“ Aber ganz gleich, ob Jerry Rubin mit Baskenmütze, Maschinenpistole, Patronengürtel und allerlei anderem wildem Gehänge posiert oder sich heute in feinstem Stöffchen im „Club der Fünfhundert“ bewegt: er bleibt ein begnadeter Entertainer.

Gänzlich aus dem Häuschen gerät der Rächer der Gerechten in Holland bei dem ehemaligen Provo Rob Stolk. Der heutige Leiter einer Druckerei und perfekte Hausmann erdreistet sich, nicht den gleichen Lohn für alle zu zahlen. Keift Dany zurück: „Demonstrierst du überhaupt noch?!“ Solche Szenen zeugen von unfreiwilliger und gleichwohl herzzerreißender Komik. Cohn-Bendit scheint nach Kräften bemüht, seine Ex-Genossen als Karikaturen preiszugeben. Mitunter erscheint er selbst als eine solche. Bedauerlich nur, daß das für sich genommen eindrucksvolle dokumentarische Material – etwa der zynische Dialog zweier Bomberpiloten, die „volle Pulle“ auf Vietkongs aus sind, oder auch der wenig zimperliche Werbespot der Yippies für die Behelmung ihrer knüppelgeplagten Häupter – unter dem erhobenen Zeigefinger seine Wirkung verliert. Hajo Steinert