Von Inge Helm

Brioni: vierzehn Inseln und ein paar Klippen, die nordwestlich von Pula etwa drei Kilometer vom istrischen Festland entfernt liegen. Einer Legende zufolge wollte hier der Allmächtige ein Land wie ein göttliches Paradies erschaffen. Aber dem Teufel war das gar nicht recht, und er verwandelte allen Glanz zu Stein. Dieses jedoch sah ein guter Engel, und er nahm, was vom Paradies erhalten geblieben war, brachte es zum Meer und umgab es mit dessen, schützenden blauen Wellen.

Im Frühling 1984 kamen über den Fazana-Kanal die ersten Ausflügler nach Brioni, um den Ort kennenzulernen, an dem Präsident Tito drei Jahrzehnte lang gewirkt hat. Seit gut einem Jahr wird auch in Deutschland die zauberhafte Inselgruppe angeboten. Auf Veliki Brioni, der größten Insel, gibt es nur drei Hotels, so daß sich kaum mehr als dreihundert Gäste zur selben Zeit hier aufhalten. Autos sind in Jugoslawiens jüngstem Naturschutzpark strikt verboten. In Fažana wird unser Wagen in einer Garage untergebracht. Möwen, Seeschwalben und Kormorane begleiten uns, bis unser Boot an der Mole von Veliki Brioni anlegt. An derselben Mole liegt noch immer Titos betagtes Motorschiff „Podgora“, mit dem er bereits seine erste Fahrt am 20. Juli 1947 auf die Insel gewagt hatte.

Links vom Anlegeplatz stehen die Hotels „Neptun“ und „Istra“ mit einem Jugendstilgebäude im Vordergrund – dem Bootshaus. „Neptun“ und „Istra“ bleiben jugoslawischen Gästen vorbehalten, während wir in dem – von außen – eleganten Hotel „Karmen“ untergebracht werden. Der Ober lächelt mit dem verschmitzten Gesicht eines „Schwejk Joseph“ und begrüßt uns in den nächsten zwei Wochen immer gleich mehrsprachig: „Dobro-letro-guten Morgen“, „dcbre-vece-guten Abend“, gefolgt von einem „kiß die Hand“ für die weiblichen Gäste.

Mit überdachten Fahrrädern starten wir am anderen Morgen zu einer Inselrundfahrt. Am Steinbruch hinter unserem Hotel erinnert eine Gedenktafel an Robert Koch, der um die Jahrhundertwende auf der Insel durch Bekämpfung der Anophelesmücke die Malaria besiegte. In der „Skoljka“ (Muschel) gleich neben dem „Donjon“, dem ältesten Gebäude aus venezianischer Herrschaft, stärken wir uns mit einem Kaffee und radeln weiter durch einen kleinen Zoo mit Bären, Tigern, Pumas, Panthern und Titos zahmen Leoparden. Gierig starren sie auf die frei herumlaufenden Axis- und Schaufelhirsche. Hier treffen wir auch auf Titos Kakadu, den „Kakusi“, der partout mit uns plaudern will – auf Serbokroatisch. An leuchtenden Blumenalleen vorbei, grünen Hecken, hundertjährigen Bäumen, weitläufigen Wiesen mit Mufflon- und Hirschherden, erreichen wir in der Bucht „Dobrika“ das byzantinische Kastrum. Die Siedlung war einst durch eine hohe Festungsmauer geschützt. Wir klettern auf die Mauer und sind fasziniert: Die herrliche Aussicht über das klare blaue Wasser und auf Titos privaten Besitz, die Insel Vanga, raubt uns beinahe den Atem.

Unweit der Hotels „Neptun“ und „Istra“ liegt der Badestrand „Saluge“ mit sauberen Strandkabinen, Duschen, Wasserrutschbahn und Bocciaplatz, gleich daneben der felsige FKK-Platz. Gegenüber befindet sich die große „villa rustica“ aus der Zeit des Kaisers Augustus mit ihren Thermen. Wir sehen die Überreste der Tempel der Venus, des Jupiters, des Mars, der Minerva und des Neptuns. Das Baden im glasklaren Wasser ist eine reine Freude, von den vielen Seeigeln einmal abgesehen. Wir tauchen nach römischen Tonscherben und Riesensteckmuscheln, umschwärmt von zutraulichen großen und kleinen Fischen. Die Tage vergehen langsam und ruhig auf Brioni, halt eine richtige „Oldie-Insel“, wie ein siebzehnjähriger Gast seinen Eltern vorwirft.

Am letzten Ferientag leisten wir uns noch eine Kutschfahrt über die Insel – auch hin zu den Orten, die man eigentlich wegen des Militärs nicht betreten darf. Querfeldein geht es über Stock und Stein, und wir kommen vor lauter Rüttelei überhaupt nicht dazu, auch nur ein einziges Photo zu schießen. Unbehelligt bleibt so der älteste Baum der Insel, der 1612 Jahre alte Olivenbaum, die üppige Vegetation mit den vielen Vogelarten, die Fasanerie und Titos Villa „Brionka“. Direkt neben dem Kastrum liegt sie am Meer und wird streng bewacht.

Wehmütig nehmen wir schließlich Abschied von dem Ferienparadies, das hoffentlich noch lange eines bleiben wird.