Von Anne Linsel

Eine junge Frau lebt als Pflegerin und Fahrerin auf dem grenznahen Gestüt eines Trabrennfahrers und Trainers. Sie arbeitet schwer, mistet Ställe aus, füttert die Pferde, pflegt sie, fährt sie zum Training.

Fünf Jahre ist sie zuvor in einem Büro beschäftigt gewesen. Dann hat sie die Stadt verlassen und die Arbeit auf dem Gestüt angenommen. Flucht? Nach einer zerbrochenen Liebe? Bruchstückhaft und verschlüsselt, wie im Traum, wird Vergangenheit lebendig. Da war ein Kind – „es wäre jetzt bereits sieben“. Eine Abtreibung, eine Fehlgeburt?

Und es hat einen Mann gegeben, „vor mehr als sieben Jahren“, den sie geliebt hat, den sie nicht vergessen kann. Sie hält ihn, jenseits von Leiden, im immer gleichen Traum wach: „Sie sieht die Hand, den Arm, den Kopf, aber der Kopf ist gesichtslos. Sie kann sich das Gesicht nicht mehr in Erinnerung rufen. Es ist das einzige Gesicht, das sie sich auf ewig hat merken wollen. Aber da sind nur Brust und Lenden und Beine und der andere, der eine kurze Zeit sie war. Dessen Stimme in ihrem Schreien, dessen Atem in ihrem Mund war. Dessen Haut an der ihren weich wurde wie ihr Haar, das auf seiner Schulter lag.“ Eine große Liebe hermetisch verschlossen im Traum, nicht offen zu erinnern, um Gegenwart zu klären, sondern eine „Geschichte aus ihrem Leben, die ein Geheimnis bleiben soll.“ Aber eben auch eine traumatische Geschichte, von der sie sich nicht lösen kann, die sie gefangenhält, hilflos macht, am Leben hindert. Obwohl sie hoffend ahnt: „Eines Tages wird sie den Blick heben und wissen, daß der andere gestorben ist und wieder lebt. Anders. In anderer Gestalt, mit einem Gesicht, das ihr zukommt.“

Es passiert an einem heißen Spätnachmittag, „sie muß eingenickt sein“. Ein Schatten „fällt plötzlich vor ihr auf den dünnen Streifen Grün.“ Ein Unbekannter, „mit dem sie sich beginnt zu drehen, wie in einem längst vergangenen Tanz, zu dem eine Figur gehört, die sie in die Knie zwingt, dann ganz zu Boden, sich weiterdrehend, bis die Bewegung einen anderen Rhythmus findet, Musik, die sie aus der Zeit hebt“. In der Nacht erst wird sie wach, der Mann ist fort. War es Wirklichkeit oder nur ein Traum, „ein langer, tiefer, überwältigender“?

Die Erzählung „Herrin der Tiere“ der österreichischen Schriftstellerin: Gedanken, Worte, Sätze über die Kraft (und Gefahr) der Imagination, über die Liebe aus der Sicht und Empfindung einer Frau. Die Liebe, die Glück ist, aber auch Schrecken, Trauer, Enttäuschung, Verletzung, Verzweiflung, Rätsel. Barbara Frischmuth führt dabei – wie so oft – ins Grenzland der Träume, an die „Traumgrenze“ (so der Titel eines früheren Erzählbandes), dahin, wo „sich Gedanken zu Bildern lösen, die einer anderen Zeit unterstehen“. Wo man, „nach dem beinahe körperlich schmerzenden Absturz in den Traum“, für Bruchteile von Sekunden weiß, „was geschieht, wie alles zusammenhängt“.

In dieser wundersamen und meisterhaften Erzählung beschreibt die Autorin auch das schwierige Zusammenleben voller Entbehrungen, Härte, Einsamkeiten, wirtschaftlicher Unsicherheiten auf dem Gestüt im wenig besiedelten Grenzland. Und sie beobachtet ebenso einfühlsam, bisweilen etwas schwärmerisch (durch Zivilisation gefährdete) Landschaft und Tiere. So geht es in dieser Erzählung auch um die uralte tiefe Sehnsucht nach Harmonie von Mensch und Tier, Mensch und Natur. • Barbara Frischmuth: