Abschied von einer Stimme: von einem glockenhellen, schwerelosen Klang, der uns immer durch atemberaubende Brillanz in Staunen versetzen konnte. Abschied aber auch von einem Menschen, der diese Traumstimme niemals dazu eingesetzt hat, uns durch technische Zauberkunststückchen zu verblüffen. Wenn Rita Streich die Zerbinetta darstellte, so war da nie allein das Faszinosum gestochen scharfer Koloraturen, sondern immer in Gebärden und Tönen eine Person, die den Zuschauer ebenso um den Finger zu wickeln verstand wie den armen Komponisten auf der Szene. Wenn Rita Streich als „Königin der Nacht“ auftrat, war der Opernfreund eine sehr lange Strecke in der „Zauberflöte“ auf ihrer Seite, obwohl ihr Mozart nur sehr wenige Momente schenkt, um uns mit unfehlbar sicher servierten Tonkaskaden von der Wahrhaftigkeit ihres Strebens zu überzeugen.

Das Geheimnis der Rita Streich war, daß sie die Urbegabung, die ihr geschenkt war, ihr strahlendes Timbre, nicht zu artistischem Selbstzweck mißbrauchte, was eine höchst einfache und wirkungsvolle Möglichkeit zu einer großen Karriere gewesen wäre. Rita Streich versenkte sich so in jene Partien, die dem leichten Charakter ihrer Stimme entsprachen, daß sie dem scheinbar Gehaltlosen tatsächlich „unerhörte“ Facetten abgewann. Eine kluge Sängerin, eine hinreißende Liedinterpretin, die aber auch ungeheuer komisch und witzig zu sein verstand. Mit der Kammerzofe Adele in Strauß’ „Fledermaus“ lieferte sie eine köstliche Studie in wienerischem Charme, ein Idiom, das sie beherrschte, obwohl sie aus Südsibirien stammte. Als Tochter eines deutschen Kriegsgefangenen und einer Russin kam sie 1920 zur Welt. Ihre Familie übersiedelte früh schon nach Deutschland, wo sie sofort Furore machte: Die große Erna Berger nahm sich der jungen Sängerin an – keinem anderen Menschen wurde diese Ehre zuteil. Nach kleinen Anfängen engagierte man sie nach Berlin, wo sie bereits ihr Repertoire absteckte: Die Olympia in Offenbachs „Hoffmann“ sang sie, die Gilda, und vor allem Mozart. Mit der Papagena reüssierte sie an der Wiener Staatsoper, der sie als treues, viel bejubeltes Mitglied angehörte, bis sie sich Anfang der siebziger Jahre zurückzog, um ihre Erfahrungen an kommende Generationen weiterzugeben. Jetzt ist Rita Streich an den Folgen eines Gehirntumors gestorben – bleiben wird vor allem die Erinnerung, wie tiefgründig Koloraturen auch sein können. Wilhelm Sincovicz