Von Hanno Kühnert

Viermal konnte die Freiburger Filmemacherin Nina Gladitz bisher ihren Dokumentarfilm „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“ (ZEIT vom 2. August 1985) öffentlich aufführen. Einmal sendete ihn der WDR, einmal sahen ihn Besucher der baden-württembergischen Landesfilmkunstwoche; zweimal wurde der Streifen dann in Freiburger Gerichtssälen angeschaut – als Beweismittel. Denn Leni Riefenstahl, Star-Regisseurin der Nationalsozialisten und heimliche Hauptfigur des Gladitz-Films, hatte Anstoß genommen und geklagt. Ihre Ehre sei durch den Film verletzt, fand die heute 84jährige. Der Fernsehfilm hatte in der Tat die Rolle von Frau Riefenstahl bei den Dreharbeiten ihres Kinofilms „Tiefland“ um 1941 kritisch beleuchtet, denn damals – gedreht wurde in der Nähe von Mittenwald – hatte Leni Riefenstahl südländisch aussehende Komparsen benötigt und daher 68 Zigeuner aus dem nahen Lager Maxglan verpflichtet, von denen die meisten später in Auschwitz ermorden wurden: die intensive Filmarbeit mit Leni Riefenstahl bewahrte sie nicht vor Rassismus und Mord.

Den Spuren dieser Zigeunerstatisten ging Nina Gladitz nach. Einige wenige hatten überlebt. Was sie von „Tante Leni“ erzählten und wie die Filmemacherin Gladitz dies verarbeitete, war Gegenstand der Klage von Leni Riefenstahl gegen ihre 40 Jahre jüngere Kollegin. Die Schnitte, die Leni Riefenstahl verlangte, hätten den Film ruiniert. Der denkwürdige Prozeß ging durch zwei Instanzen. Im wesentlichen gewann ihn Nina Gladitz. In zwei Punkten unterlag sie.

Das zweite, endgültige Urteil eines Freiburger Senates des Oberlandesgerichts Karlsruhe, das jetzt schriftlich vorliegt, bestätigt und erlaubt immerhin folgende Aussagen des Gladitz-Films: Leni Riefenstahl habe die 68 Zigeuner für ihren Film „Tiefland“ 1941 und 1942 aus dem Lager Maxglan persönlich ausgesucht, sie dann zwangsverpflichtet, aber schließlich nicht entlohnt.

Aus ihrem Film herausschneiden dagegen muß Nina Gladitz folgende Behauptungen und Aussagen: Leni Riefenstahl habe damals gewußt, daß ihre Zigeuner-Statisten später nach Auschwitz deportiert und ermordet werden sollten; sie habe den Verzweifelten Hoffnung gemacht, sie vor dem Transport nach Auschwitz zu bewahren, dies habe sie aber nur zynisch versprochen, nicht gehalten.

Nina Gladitz will nun die drei einschlägigen Ton-Minuten überblenden, um dem Ordnungsgeld von 500 000 Mark oder der Ordnungshaft bis zu sechs Monaten zu entgehen. Und sie will am Ende des Films eine Liste der ermordeten Zigeuner anhängen, die für sich selbst spricht.

Sie und ihr Film sind aus dem seltsamen Rechtsstreit mit der Diva des Dritten Reiches nur wenig beschädigt hervorgegangen. Die Substanz des eindrucksvollen Films ist unangetastet – man kann mit dem sehr umfänglich begründeten Urteil leben. Dennoch bleibt auch hier wieder – wie nach der ersten Instanz – tiefes Unbehagen. Das positivistisch und reichlich kleinkariert angewandte juristische Handwerkszeug taugt wieder einmal nicht zu angemessener Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, von Gerechtigkeit gar nicht zu reden. Nina Gladitz muß folgende Aussage des überlebenden Josef Reinhardt aus dem Film schneiden: „Ich erzählte Tante Leni, wie wir sie nennen durften, daß Maxglan aufgelöst wird und spätestens nach Beendigung der Dreharbeiten alle in Auschwitz vernichtet würden. Ich sagte ihr, was wir damals von Auschwitz wußten und daß von dort niemand mehr zurückkommen werde...“