Dortmund

Einige tausend Kilometer entfernt von Kurdistan gibt es seit Anfang Februar eine Viertelstunde Hörfunkprogramme in kurdischer Sprache. Zu hören sind lokale Nachrichten, Reportagen, Berichte und Veranstaltungstips aus der Stadt, für die das Programm gemacht ist – aus Dortmund.

Nicht nur Sendungen in kurdischer Sprache sind neu bei der lokalen Rundfunkstation „Radio Dortmund“: Lokalen Hörfunk in fremden Sprachen hat es in der Bundesrepublik überhaupt noch nicht gegeben, der Sender in der Ruhrgebietsstadt startet gleich mit Programmen in acht Sprachen. Radio Dortmund ist ein Ableger des Westdeutschen Rundfunks: es gehört zum Kabelpilotprojekt Dortmund, das die Chancen für lokales Fernsehen und lokalen Hörfunk erprobt. Im Unterschied zum Lokalfernsehen ist das Radioprogramm auch ohne Kabelanschluß zu empfangen – in Dortmund und seinen Nachbarstädten.

Als Radio Dortmund im Juni 1985 zum ersten Mal auf Sendung ging, waren Beiträge in Fremdsprachen noch gar nicht geplant. Jürgen Hoppe, der stellvertretende Leiter der Hörfunkredaktion, hatte gerade ein anderes Projekt begonnen: er bildete in Wochenendseminaren ausländische Reporter aus. „In einer Stadt, in der zehn Prozent der Menschen Ausländer sind, muß es zur Normalität gehören, daß ein Teil des Programms von Ausländern gemacht wird. Nicht nur Beiträge über Ausländer, auch Beiträge zum normalen örtlichen Geschehen können genausogut von Ausländern übernommen werden“, begründet er seine Anstrengungen, aus Ausländern ohne journalistische Erfahrungen Hörfunk-Reporter zu machen. Einige Teilnehmer dieser Seminare sind inzwischen freie Mitarbeiter von Radio Dortmund und machen Programm wie ihre deutschen Kollegen.

So waren einige Journalisten integriert, außen vor blieben die Hörer, die einem deutschsprachigen Programm nicht folgen, können. Vor allem ausländische Frauen, die nicht berufstätig sind und oft kaum Deutsch können, sind vom Geschehen an ihrem Wohnort praktisch abgeschnitten. „Radio Dortmund International“ soll ihnen das örtliche Geschehen näherbringen – nicht zuletzt das, was sich unter ihren eigenen Landsleuten tut.

Der Vorschlag, Sendungen in Fremdsprachen zu machen, kam aus dem Kreis der ausländischen Mitarbeiter. Als der Beschluß gefaßt war, nahm sich die rund fünfzig Personen starke Gruppe der ausländischen Reporter zunächst Sendungen in Spanisch, Italienisch, Serbokroatisch, Griechisch und Türkisch vor. Nach kurzer Zeit kam das Portugiesische dazu. Dann meldete sich ein polnischer Rundfunkjournalist, der in Dortmund im Asyl lebt. Er überzeugte die Programmacher, daß auch für Sendungen in seiner Muttersprache ein Bedarf besteht: Viele Spätaussiedler behalten Polnisch als Umgangssprache bei. Ihre Zahl ist kaum abzuschätzen; immerhin gibt es in den Stadtteilen Dortmunds, in denen sie besonders stark vertreten sind, auch polnische Gemeinden. Spätestens hier mußte man von dem Konzept Abschied nehmen, Sendungen für Ausländer zu machen: Die meisten polnischsprachigen Dortmunder betrachten sich als Deutsche und besitzen einen deutschen Paß. So spricht man heute von „muttersprachlichen Sendungen“.

Besonders viel Staub hat der Plan aufgewirbelt, auch in Kurdisch zu senden. Schon vor Beginn der ersten Programme bekamen ihr Macher eine Ahnung davon, welcher Unterdrückung die Kurden in ihrer Heimat ausgesetzt sind: Die türkische Botschaft und islamische Vereine protestierten und erklärten die kurdische Sprache kurzerhand für nicht existent.