Jetzt, Anfang Februar 1987, ist auch sein neuester Fischzug, die Molke Misch Futter Fisch Sache, so gut wie tot.

Der "Molke Skandal" (Handelsblatt) ist nicht mehr aufzuhalten. In den Flugzeugen der Lufthansa schieben Passagiere bereits die Meggle Butter des Bord Snacks pikiert beiseite. Die Bremer Grünen geißeln den Versuch, radioaktiv verseuchtes Molkepulver in die Dritte Welt abzuschieben, als "unglaubliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Die Umweltsenatorin der Hansestadt ordnet an, die 100 Waggons aus Bremen unverzüglich nach Bayern zurückzuschicken. Der Rosenheimer CSU Bürgermeister dräut, er werde "mit allen rechtlichen Mitteln" die Heimkehr des vagabundierenden Strahlenpulvers verhindern. Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth zürnt, es sei schon "aus ethischen Gründen nicht vertretbar, einen Unterschied zu machen zwischen der Vorsorge für die Gesundheit von Europäern und von Menschen in den Entwicklungsländern". Wohl wahr: Wenn das Zeug schon so unbedenklich ist - warum sollen dann ägyptische Speisefische damit gemästet werden können, nicht aber bayerische Rindviecher?

Nun stehen also auch Deutsche - und zwar Produzenten, Händler, ja selbst Minister - im Verdacht, Entwicklungsländer als Entsorgungshalde für die Tschernobyl Folgen zu mißbrauchen. Hochkontaminiertes Milchpulver aus Holland, Dänemark und England wurde bereits 1986 von den Behörden in Brasilien und auf den Philippinen immer wieder vom Markt genommen. Allein Singapur schickte bis Ende Oktober 240 Schiffe mit verseuchten Lebensmitteln wieder nach Europa zurück. Malaysia ließ Butterfett aus Holland, englischen Rahm und italienisches Gemüse retournieren; Sri Lanka verbot den Verkauf von polnischer Marmelade und bulgarischen Pflaumen.

Kein Wunder, daß auch in Ägypten, dem Zielland des bayerischen Molkepulvers, ein Sturm der Entrüstung losbricht. Auf direkten Befehl von Ministerpräsident Atef Sidki eskortiert die Kriegsmarine am 30. Januar ein holländisches Schiff aus dem Hafen von Alexandria. Es soll, nein, nicht Sprangs Molke, sondern 61 Torinen verstrahltes Afjrf>pulver aus Österreich an Bord haben. Das Außenministerium in Kairo ruft nun alle Ägypter auf, ein besonders wachsames Auge auf Häfen und Flughäfen zu halten, um auch den Import verstrahlten deutschen Molkepulvers zu verhindern.

Die halbamtliche Zeitung AI Ahram mahnt, es sei "nicht genug, daß wir niederknien und Allah dafür danken, daß er die deutschen Behörden wachgerüttelt hat": Jetzt müsse auch der Name des ägyptischen Importeurs ans Licht. Trachtete doch der Ruchlose, "auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung sündhafte Profite zu machen". Wer Sprangs ägyptischer Handelspartner sein sollte, bleibt weiterhin unbekannt.

Da in Ägypten Vorwahlzeit ist - am 6. April wählt das Land eine neue Nationalversammlung , bringt die Opposition den Sohn des Außenministers und andere ahnungslose Verwandte von Regieruhgsmitgliedern als Hintermänner ins Spiel. Mehr noch: Fundamentalistische Blätter schreiben, "der Westen" überschwemme Ägypten gezielt mit giftigen Lebensmitteln, um - jawohl: die Moslems "unfruchtbar zu machen".

Zurück, zurück nach Deutschland, denn dort bahnt sich eine dramatische Wende an. In München stellt sich am 3. Februar Umweltminister Alfred Dick vor die herbeigetrommelte Presse und verkündet: "Das Molkepulver ist kein Abfall!" Sagts, steckt den Finger in das mitgebrachte gelbliche Mehl und schleckt es ab: "Des tut mir nix " Ein bißchen flunkert Minister Dick: "Ein Export in unverarbeitetem Zustand war zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt Ein bißchen übt er sich in altbekannter Beschwichtigung: Die Radioaktivität der 5000 Tonnen Molkepulver entspreche gerade eben der Cäsium Menge, die nach Tschernobyl auf einen einzigen Quadratkilometer südbayerischen Bodens niedergegangen ist. Im übrigen eigne sich das Pulver "auch weiterhin zur Herstellung von Futtermitteln".