Von Hanns-Josef Ortheil

Jetzt will ich es aber wissen, endgültig. Deshalb muß ich es schriftlich fixieren. Weil sich sonst doch wieder alles in Luft auflösen könnte. Was? Die Postmoderne. Ich will wissen, was die Postmoderne in der Literatur angerichtet hat, am besten ich bekomme sogar heraus, was sie der deutschen Literatur angetan hat. Oder umgekehrt. Ich muß es jetzt wissen.

Seit Wochen geht mir das im Kopf herum, und ich bin nicht allein mit diesen Sorgen. An der Mainzer Universität werden zwei Seminare über das Thema gehalten, und in der Stuttgarter läuft eine große Vortragsreihe. Als ich gerade noch rechtzeitig zu Professor Manfred Franks Referat erschienen war, müßte ich entsetzt seine ersten Sätze hören: „Meine Damen und Herren, ich soll über die Postmoderne sprechen. Aber ich habe noch nichts Ernstzunehmendes darüber gelesen. Genaugenommen weiß ich auch nicht, was die Postmoderne ist.“ So geht es einfach nicht weiter, es ist ja beschämend, deshalb muß jetzt etwas Ernstzunehmendes her.

Geschrieben freilich wurde schon genug. Für manche ist postmoderne Literatur der Grund anhaltenden Ekels. Sie verbinden das, was Habermas unglückseligerweise vorgemacht hat, mit neokonservativen Strömungen. Dann müssen Handke und Botho Strauß daran glauben. „Diese Wendepropheten“ usw. ... In Heft 34 von L’80, das vor allem der Postmoderne gewidmet ist, werden Romane von Thomas Pynchon, Umberto Eco und Botho Strauß miteinander verglichen. Überzeugend ist das nicht. Im Merkur hat ein jugendlicher Witzbold Postmodernes in ... man darf raten ... in Süskinds „Parfüm“ entdeckt. Süskind! Ausgerechnet. Ich verliere kein Wort darüber. In der Reihe rowohlts enzyklopädie haben Andreas Huyssen und Klaus R. Scherpe einen Band mit Aufsätzen zum Thema vorgelegt. Dort findet man immerhin den Versuch einer Analyse von Ecos „Name der Rose“ durch Teresa de Lauretis.

Trotzdem: wir haben nichts als Rauschen, und die Interpreten wippen mit und schlängeln sich an den Texten entlang. Manche halten das bereits für „postmodern“. Es reicht mir. Deshalb will ich hier einige ganz präzise Vorschläge machen. Die „Neue Unübersichtlichkeit“ ist sowieso nur ein Zustand aus Bequemlichkeit, Langeweile und Flachdenkerei. Ich versündige mich gern an ihr.

Also: Die postmoderne Literatur ist die Literatur des kybernetischen Zeitalters. Sie verabschiedet nicht die ästhetischen Projekte der Moderne, sondern verfügt über diese als Modelle, die in Spiele höherer Ordnungen überführt werden können. Dabei treten an die Stelle vom Autor oder Erzähler ausgewiesener Weltbilder Strukturen, die dem Leser die entscheidende Arbeit zumuten. Der Leser wir zum intellektuellen Komplizen des Autors, das zentrale Medium der Komplizenschaft ist der Roman, als Vergewisserung über die noch möglichen Spielarten, der Welt zu begegnen.

Seit den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts läuft ein unaufhörliches Training, Autoren und Leser auf dieses Programm einer postmodernen Zukunft vorzubereiten. Man mag dieses Programm Informatik, Kybernetik, Semiotik oder Strukturalismus nennen. Kennzeichnend für all diese Entwürfe ist die Befähigung des Lernenden, Zeichen lesen zu können. Die postmoderne Literatur setzt den universellen Leser voraus; sie zieht ihn in die Intrigen einer totalen Zeichensprache, auf deren labyrinthische Zumutung er selbst die Antwort geben muß. Statt ihn mit Theorien und Welterklärungen zu befriedigen, erzählt sie ununterbrochen Spielvorschläge, die variiert, abgebrochen, aber auch erweitert werden können. Postmoderne Literatur geht nur da „auf“, wo sie in postmodernes „Verhalten“ übersetzt wird. Dieses liest die-Zeichen der Lebenswirklichkeit (die Umwelt) ebenso als Signale wie die des literarischen Entwurfs. Die typische Figur des postmodernen Romans ist daher entweder der Detektiv (Eco) oder der Lebenskünstler, der sein Lebensspiel in laufend veränderten und auf neue Bedingungen reagierenden Programmen fortsetzt (Cortázar).