Doch damit nicht genug. Die Apnoe-Phasen, verursacht durch einen zentralnervösen Regeldefekt, werden durch ein reflexartiges Aufschrecken (Fachjargon: Arousel) beendet, fast immer begleitet von einem lauten explosionsartigen Schnarchen. In der Regel merkt der Patient davon nichts, er wird während der Arousel-Reaktion nicht wach. Jedoch verhindert dieser Mechanismus, daß er in Tiefschlaf fällt. Mit anderen Worten: Apnoiker schlafen zwar zum Beispiel acht Stunden, sie finden jedoch kaum erholsamen Schlaf, sind folglich ständig müde und nicken tagsüber häufig ein. Die kontinuierliche Schlaffragmentierung bedingt schließlich Gereiztheit, Aggressivität, psychische Veränderungen bis hin zur Depression oder zu Halluzinationen.

Welche Rolle dabei das fast immer auftretende Schnarchen spielt, ist wissenschaftlich bisher nicht vollkommen geklärt. Schnarchen allein stellt jedoch sicherlich keinen Risikofaktor dar, meint von Wichert, den „sonst müßten die Männer wohl schon längst ausgestorben sein“. Ähnlich wie bei Georg F., verläuft die Erkrankung meist langsam und zunächst unbemerkt, oft ist es die Ehefrau, die zuerst erkennt, daß „etwas“ nicht stimmt. Dabei ist das Krankheitsbild durchaus nicht selten. So hat eine Studie der Marburger Forscher an hundert zufällig ausgewählten Fabrikarbeitern ergeben, daß etwa zehn Prozent der männlichen Bevölkerung an dieser Krankheit leiden. Auf zwei Millionen schätzt Privatdozent Dr. Hermann Jörg Peter von der Marburger Forschungsgruppe „Zeitreihenanalyse“ die Zahl der Betroffenen in der Bundesrepublik Deutschland. Etwa Zweihunderttausend von ihnen dürften dabei nach seinen Angaben akut bedroht sein, wegen Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems vorzeitig versterben. Betroffen sind fast ausschließlich Männer, in der Regel im mittleren Alter. Nur in zirka fünf Prozent der Fälle sind es Frauen. Den Grund für diese ungleiche Verteilung kennen die Wissenschaftler bis heute nicht.

Eine Arbeitsgruppe unter der Federführung von H. J. Peter hat während ihrer jüngsten Tagung in Freiburg Empfehlungen erstellt, die zur Erfassung möglichst aller Kranken führen sollen. Mit einem standardisierten Patientenfragebogen, von der Marburger Gruppe entwickelt, soll bereits während der Anamnese die Diagnose Schlaf-Apnoe wahrscheinlich gemacht werden.

Sind Sie tagsüber müde? Schlafen Sie tagsüber spontan ein? Fühlen Sie sich in letzter Zeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt? Befragt werden die Patienten auch nach Symptomen wie Herzstolpern, Atemnot, Erstickungsgefühlen, Schnarchen oder Belastbarkeit. Deuten die Antworten auf eine Apnoe, dann sind detalliertere Untersuchungen erforderlich. Außerdem sollte laut Peter jeder Hochdruckkranke intensiver untersucht werden, da die Hypertonie oft die erste Manifestation der Schlaf-Apnoe darstellt. „Wir wissen heute, daß die Schlaf-Apnoe ein Risikofaktor ersten Ranges ist und daß die Lebensqualität durch diese Krankheit stark eingeschränkt wird. Die Erkrankungs- und Sterberaten sind erhöht, und die Schlaf-Apnoe ist eng mit den klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Hyperlipidämie und koronarer Herzkrankheit verknüpft“, sagt der Schlafforscher. (Hyperlipidämie = erhöhter Gehalt von Fetten und fettähnlichen Substanzen im Blut.)

Bestehe der Verdacht auf Schlaf-Apnoe, so sei die Diagnose unbedingt in einem Schlaf-Labor zu sichern, meint Professor Karl-Heinz Rühle von der Abteilung Pneumologie der Medizinischen Universitätsklinik in Freiburg. Die Atmung müsse während des Schlafs registriert werden, „denn anhand der klinischen Symptome sehen wir heute erst die Spitze eines Eisberges“.

Dabei darf die Krankheit nicht, wie lange üblich, mit dem Pickwickier-Syndrom (benannt nach einer Romanfigur von Dickens) gleichgesetzt werden. Zwar zeigen auch diese Patienten gehäufte Apnoe-Phasen mit allen Symptomen der Schlaf-Apnoe, doch wird dies vermutlich durch das extreme Übergewicht und der damit verbundenen Verstopfung der Atemwege verursacht. Für die Diagnostik der Schlaf-Apnoe gibt es bislang nach Ansicht der Experten viel zu wenige Schlaflabors in der Bundesrepublik. So fordert auch die Arbeitsgruppe den raschen Ausbau dieser Einrichtungen – ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, wo der Schlafforschung allgemein ein sehr viel höherer Stellenwert eingeräumt wird.

Schlaflabors sollten demnach bundesweit an allen Fachkliniken und Schwerpunktkrankenhäusern installiert werden. Die Diagnose selbst erfolgt dann während der Nacht, wenn der Patient schläft. Mit Hilfe auf die Haut geklebter Sensoren kann transkutan, also einfach durch die Haut, der Gasaustausch des Blutes und somit auch dessen Sauerstoffgehalt analysiert werden. Ist der Sauerstoffgehalt während der Nacht normal, ist eine Schlaf-Apnoe vollkommen ausgeschlossen. Zum anderen wird der Atemrhythmus bestimmt, entweder durch Messen der Atemfrequenz und der Schnarchgeräusche mit Mikrophonen an Mund und Nase oder durch spezielle, am Brustkorb befestigte Atemgürtel.