Von Brigitte Jakobeit

W Weshalb zählen die Hausangestellten in Südafrika zu den besonders benachteiligten Menschen?

Mary Mkhwanazi: Weil weibliche Hausangestellte in Südafrika als Arbeitnehmer überhaupt nicht existieren. Es gibt übrigens auch Männer, die im häuslichen Dienstleistungsbereich arbeiten, aber wenige. Schwarze Männer finden diese Art von Arbeit entwürdigend. Hausangestellte werden von jeder Arbeitsgesetzgebung ausgeschlossen. Es gibt keine Mindestlöhne, kein Kranken-, Urlaubs- oder Arbeitslosengeld, keinen Schwangerschaftsurlaub. Der Arbeitszeit ist nach oben hin keine Grenze gesetzt. Hausangestellte haben keinen Anspruch auf Arbeitslosen- und Sozialleistungen, auch nicht auf Rente. Es gibt nicht ein einziges Gesetz, das sie schützt, nur ein sogenanntes common law‚ ein allgemeines Gesetz. Aber selbst das gewährt ihnen lediglich eine Art Kündigungsschutz, indem es besagt, daß ein Arbeitgeber, der seinen schwarzen Hausangestellten entlassen will, ihn noch vier Wochen beschäftigen oder ihm statt dessen ein Monatsgehalt zahlen soll. Dieses Gesetz kennen zwar alle, aber kaum jemand hält sich daran. Hausangestellte haben keine freien Tage, und von Lohn- und Tarifverhandlungen werden sie ausgeschlossen. Selbst die Löhne unterliegen dem Ermessen des Arbeitgebers. Er nennt einen Betrag, der Hausangestellte kann nicht verhandeln.

Im Jahr 1982 haben Sie beim Arbeitsministerium in Pretoria ein Memorandum eingereicht, in dem Sie um die gesetzliche Verankerung genau dieser Arbeitnehmer-Grundrechte auch für Hausangestellte ersuchen. Was ist daraus geworden?

Mary Mkhwanazi: Wenn ich diese Geschichte erzähle, wird deutlich, daß wir Hausangestellten für die Regierung nur ein Witz sind.

Am 6. September 1982 also schickten wir unser Memorandum ab, aber der Eingang wurde nicht bestätigt. Ich fragte nach, und man teilte mir mit, es sei nie angekommen, ich solle eine Kopie schicken. Das tat ich. Der Eingang der Kopie wurde ein Jahr später bestätigt. Während einer unserer nationalen Versammlungen beschlossen wir 1984, eine Delegation nach Pretoria zu schicken. Am 6. Dezember 1984 fuhren wir zu zehnt nach Pretoria. Zunächst verwehrte man uns den Zutritt mit der Begründung, wir hätten keinen Termin mit Herrn P. T. C. Du Plessis, dem Arbeitsminister, vereinbart.

Dann versuchte man, uns wegzuschicken, aber wir blieben. Schließlich erschien ein Vertreter des Ministers, der uns wissen ließ, daß die Untersuchungen nun abgeschlossen wären, aber das Memorandum sei in Afrikaans und müßte noch ins Englische übersetzt werden. Dann aber könne es dem Arbeitsminister für eventuelle Änderungen vorgelegt und anschließend im Parlament eine Gesetzesvorlage und ein Gesetz werden. Als wir fragten, wie lange diese Prozedur dauern würde, sagte er, er wisse es auch nicht. Wir hinterließen einen Brief an den Arbeitsminister.

Zwei Wochen später wurde dieser Brief vom Außenminister bestätigt. Er teilte uns mit, daß die Angelegenheit mit Aufmerksamkeit weiterverfolgt werde. Ich könnte Ihnen einen Stapel von Briefen mit dem Vermerk „Die Angelegenheit wird mit Aufmerksamkeit verfolgt“ oder „Bezüglich dieser Angelegenheit werden wir uns wieder an Sie wenden“ zeigen.

Im April 1985 erreichte uns ein Schreiben, in dem der Minister uns mitteilte, die Untersuchungen seien abgeschlossen und das Memorandum läge nunmehr zur Begutachtung vor. Bei uns herrschte Hochstimmung. Ende April erhielt ich einen Anruf von einem Kollegen aus Kapstadt. Er fragte, ob wir schon irgendeine Nachricht erhalten hätten, denn am folgenden Tage träte das Parlament zusammen. Wir hatten nichts gehört, und damit war klar, daß unser Antrag um ein weiteres Jahr verschoben wurde.

Im Januar 1986 schickte ich im Namen der Hausangestellten ein Telex an den Arbeitsminister. Alles in allem: in fünf Jahren ist nichts herausgekommen.

Wie hat sich die erneute Ausrufung des Ausnahmezustandes im Herbst letzten Jahres auf die gewerkschaftliche Arbeit ausgewirkt?

Mary Mkhwanazi: Zunächst haben wir seitdem von tätlichen Angriffen gegen Hausangestellte gehört, insbesondere in der Transvaal-Region und am Kap. Wir haben das Gefühl, daß die Arbeitgeber alles, was in diesem Land vor sich geht, an ihrem Dienstpersonal auslassen. Unter dem Zeichen des Ausnahmezustands ist die Macht der Weißen so groß geworden, daß es für einen Schwarzen keine Möglichkeit mehr gibt, sich gegen eine Handgreiflichkeit oder Ungerechtigkeit, die ihm ein Weißer zufügt, zu wehren. Die Erklärung des Ausnahmezustandes fiel mit unserer Hauptversammlung in Natal zusammen. Es war unmöglich, in den Veranstaltungsraum zu gelangen, weil das ganze Gebäude von Polizisten, Polizeiautos und -hunden abgeriegelt war. Und da Hausangestellte normalerweise nicht solchen Situationen ausgesetzt sind, bekamen sie Angst. Obwohl wir in der Natal-Region mehr als 1000 registrierte Mitglieder haben, besuchen seit jenem Erlebnis nur noch wenige unsere Hauptversammlungen.

Wie reagieren denn die weißen Arbeitgeber, wenn sie wissen, daß ihre Hausangestellten in der Gewerkschaft sind?

Mary Mkhwanazi: Für Hausangestellte ist es gefährlich, Mitglied der Gewerkschaft zu sein. Die meisten verschweigen es ihren Arbeitgebern, denn sie befürchten, ihren Job zu verlieren. Jene Arbeitgeber, die von der Mitgliedschaft wissen, werfen es dem Personal vor. Dann heißt es: „SADWU hat dir diese dummen Ideen in den Kopf gesetzt, sonst würdest du nicht so mit mir sprechen.“ Andere wiederum sagen nichts, das sind die sogenannten Liberalen.

Sie waren selbst 25 Jahre lang eine Hausangestellte. Was hat Sie bewogen, sich der Gewerkschaftsarbeit zuzuwenden?

Mary Mkhwanazi: Während der vielen Jahre meiner Dienstmädchenzeit habe ich immer gewußt, daß irgend etwas mit dieser Art von Arbeitsverhältnis nicht stimmt. Ich selbst hatte mit 18 Jahren einen Sohn. Er war erst ein Jahr alt, als ich ihn in die Obhut meiner Mutter gab, um in der Stadt die Kinder der weißen Madams zu betreuen. In meiner ersten Stellung arbeitete ich 18 Monate, und in dieser ganzen Zeit konnte ich meinen Sohn nicht ein einziges Mal sehen. Es tat mir wirklich weh, und ich wußte nie, sollte ich dieses weiße Mädchen, das ich zu betreuen hatte, hassen oder lieben. Lieben, weil es ein unschuldiges Kind war; hassen, weil es das Privileg hatte, von mir versorgt zu werden, einer Mutter, die gerade ihr eigenes Kind in die Hände einer älteren Frau gegeben hatte. Aber genau das ist das Schicksal aller Hausangestellten.

1977 traf ich eine weiße Frau, Mrs. Cobden, die das sogenannte Domestic Worker’s and Employer’s Project (DWEP) leitete. Das war ein Fortbildungsprogramm von weißen Arbeitgeberinnen für ihre schwarzen Dienstmädchen, die sich dort in Näh- oder Kochkursen weiterbilden konnten, um noch bessere Hausangestellte zu werden. Mrs. Cobden war sehr beeindruckt von meiner Offenheit. Ich habe immer gesagt, was ich dachte. Sie bot mir an, bei DWEP die Aufgaben einer Sozialarbeiterin zu übernehmen. Also kündigte ich schriftlich meine letzte Arbeitsstelle, was meine Madam sehr überraschte, denn es ist völlig unüblich, daß ein Dienstmädchen kündigt. Ein Dienstmädchen wird entlassen. Ich besuchte nun Hausangestellte und erzählte ihnen von den Kursen und dem Programm. Doch dieses Projekt beschäftigte sich im Grunde genommen nicht mit den Problemen der Hausangestellten. DWEP war eben die Idee unserer weißen Arbeitgeberinnen. So gründeten wir 1981 die Hausangestellten-Gewerkschaft (SADWA), die sich im vergangenen Jahr mit einigen weiteren Verbänden zur SADWU zusammenschloß.

Verfolgen Sie mit Ihrem Besuch in der BRD eine bestimmte Absicht?

Mary Mkhwanazi: Was uns Hausangestellte betrifft, wünschen wir uns eine grundlegende Veränderung und keine Reform, denn dieses gräßliche Monster, das man Apartheid nennt, kann nicht reformiert werden. Wir Hausangestellten sind die Mütter, deren Kinder eine ungenügende Schulbildung bekommen; wir Hausangestellten sind die Mütter der Kinder, auf die südafrikanische Truppen schießen, sobald sie um eine bessere Erziehung und ein besseres Leben bitten. Deshalb hoffe ich, daß meine Gespräche und Vorträge hier in Deutschland die Leute bewegen, Druck auszuüben, bevor es zu spät ist. Ich hoffe auch, daß alle versuchen werden, ein Blutbad zu vermeiden.