Wer die Schilderungen in Taha Hussains Erzählungen auf sich wirken läßt, der wird zum unmittelbaren Zeugen, und das fremdartige Kolorit vermag hier den Reiz des Stoffes nur zu erhöhen. Dargestellt wird ein Leben, wie es sich trotz physischer Behinderung und psychischer Schwierigkeiten entwickelt, die ersten Abschnitte im Leben eines blinden Knaben, Sprößling einer dreizehnköpfigen Familie in einem oberägyptischen Dorf. Leicht abgewandelt ist es zugleich die Geschichte des Autors selbst. Denn der blinde Taha Hussain begann wie eben jener Knabe der Erzählung seinen Lebensweg in einem abgelegenen Dorf Oberägyptens, besuchte dort eine kleine Koranschule und gelangte später als Schriftsteller und Politiker zu Ruhm und weltweiter Anerkennung.

Der 1889 geborene Hussain war ein Aufklärer, der das politische und kulturelle Leben Ägyptens während der ersten fünf Dekaden dieses Jahrhunderts entscheidend mitprägte. Als Politiker war er ein Reformer, der das ägyptische Bildungssystem ausbaute, die Bildungsinstitutionen für jeden unentgeltlich zugänglich machte und das Hochschulstudium auch für Frauen ermöglichte.

Seine Erinnerungsbücher „Kindheitstage“ und Jugendjahre in Kairo“, die seit kurzem in einer hervorragenden deutschen Übersetzung des ägyptischen Gelehrten Ali Maher in dem Berliner Verlag „Edition Orient“ vorliegen, bilden zwei Drittel der dreibändigen Autobiographie Taha Hussains „Die Tage“ („al Ayyam“).

„Er kann sich weder auf den Namen des Tages besinnen noch ihm im Lauf der Monate und Jahre den Platz zuweisen, den Gott ihm gegeben hat. Nicht einmal an die Tageszeit kann er sich erinnern. Er kann all das nur annähernd bestimmen ...“ So beginnt der innere Monolog in „Kindheitstage“.

Doch das „Licht der Welt“ kann der Junge wegen Vernachlässigung und der haarsträubenden medizinischen Behandlung eines Augenleidens nicht wirklich wahrnehmen. Diese physische Finsternis muß das Kind auf anderen Wegen erhellen. Als der Junge sich allmählich bewußt wird, daß er sich nicht wie die anderen verhalten kann, entschließt er sich, „in sich selbst zurückzukehren“. Diese Haltung einer errungenen Distanz zu den Ereignissen durchzieht das ganze Buch.

Das Leben im Dorf steht im Schatten der Tradition, und für den Knaben bedeutet dies, sich dem althergebrachten Rhythmus des Dorfes anzupassen. Er wird auf eine kleine Koranschule geschickt, eine ehrwürdige Institution, die der Junge jedoch als bizarr und grotesk erlebt, hauptsächlich wegen der burlesken Streiche des Lehrers „unseres verehrten Herren“, eines ausgedienten Scheichs, mehr Schelm als Gottesmann.

Die Erzählung – überwiegend als innerer Monolog sich entwickelnd – berichtet auch von dem kindlichen Stoizismus und der Hartnäckigkeit des erblindeten Jungen, von der Entfaltung intuitiven Erfassens und des feinen Gespürs für eine ewig unsichtbare Umwelt, für das dörfliche Leben mit all seinen kleinen Ereignissen. Dieses Leben prägt ihn, kann aber nicht von ihm Besitz ergreifen. Er wird weiterziehen ins ferne Kairo.