Der dritte Anlauf

Gute Chance für Margaret Thatcher

Von Rudolf Walter Leonhardt

Es wurde Zeit. Die Schmerzgrenze war erreicht. Die Abgeordneten des Unterhauses kamen kaum noch zu den Parlamentssitzungen, und wenn, dann begannen sie einander anzuschreien, so daß der Speaker oft Mühe hatte, um Gehör für das Wort eines Volksvertreters nachzusuchen. Die Regierungsbeamten taten nur noch das Nötigste, wußten sie doch nicht, ob sie im nächsten Monat noch den gleichen Chef haben würden und ob ihr Tun dessen Billigung fände. Die Zeitungen und viele ihrer Leser schien es längst mehr zu interessieren, wann denn nun gewählt würde, als wer gewählt würde. Ganz genauso war es vor vier Jahren gewesen, genau zur gleichen Jahreszeit. Die Dame ist nicht fürglasnost. Wo alles voller Nervosität fieberte, bewährte sich Mrs. Thatchers stoische Machtausübung.

Am Montag endlich versammelte die Regierungschefin ihr Kabinett um sich, trat danach die obligatorische Fahrt zum Buckingham-Palast an und ersuchte die Königin, am 18. Mai das Parlament aufzulösen. Am frühen Nachmittag erfuhr es schließlich die davon nicht ungebührlich überraschte Nation: Am 11. Juni wird in Großbritannien ein neues Parlament gewählt – das dritte Parlament Thatcher, wenn es nach dem Willen der Herrin von Downing Street No. 10 ginge, die dann als erster britischer Premierminister in diesem Jahrhundert drei Wahlsiege hintereinander zu verzeichnen hätte.

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Die Aussichten dafür sind nicht schlecht. Die Labour Party ist hoffnungslos zerstritten. Hier die alten Nonkonformisten, dort die Neomarxisten, das ist eine Last, die auch der zum Frieden entschlossene Neil Kinnock nicht lange auf seinen Schultern tragen kann. Die Allianz der gemäßigten Sozialdemokraten von der SDP und den Liberalen scheint den Durchbruch vor allem deswegen wieder nicht schaffen zu können, weil sie nur wenige Hochburgen hat, sondern ihr Anhang ziemlich gleichmäßig über das ganze Land verteilt ist. Das bringt jedoch nichts, wo nach englischem Mehrheitswahlrecht immer nur der Vertreter der stärksten Partei gewinnt und alle anderen Stimmen so wenig zählen, als wären sie nie abgegeben worden. Margaret Thatcher hat, obwohl nicht gerade eine Kosmopolitin von Geblüt, bei ihren Auftritten in Washington wie in Moskau keine schlechte Figur abgegeben. Sie stellt etwas dar auf der weltpolitischen Bühne. Sie wird von wenigen geliebt, aber von vielen respektiert.

Die ökonomischen Daten Großbritanniens sehen gut aus. Die Produktion in den modernen Industrien weist Rekordzahlen auf; viel weniger Arbeitstage gingen durch Streiks verloren als in den vergangenen Jahren; das Pfund hat sich erholt, die Inflation ist fast überwunden; Gold- und Devisenreserven sind um drei Milliarden Dollar gestiegen, und sogar die Arbeitslosigkeit, die Großbritannien noch schlimmer getroffen hat als Frankreich oder die Bundesrepublik, beginnt offenbar, wenn auch sehr langsam, wieder zu fallen. Den 88 von 100 Engländern, die Arbeit haben, geht es nicht schlecht. Der Finanzminister hat sie in seinem Jahresbudget (ein „Wahlbudget“ nennt es die Opposition) glimpflich behandelt. Die Kneipenbesucher wie die Raucher sind nicht durch zusätzliche Steuern gestraft worden, und fünfhunderttausend Krankenschwestern/Pfleger haben endlich die seit langem überfälligen Gehaltsaufbesserungen bekommen. Dabei ist noch Geld im Staatssäckel geblieben für ein paar demnächst zu erwartende Wahlversprechen, vor allem auf dem Gebiet der Städtesanierung, des Straßenbaus und der Schulen.

Die Zahlen der Institute, die sich mit der Erforschung der öffentlichen Meinung beschäftigen, geben den Konservativen einen Vorsprung von zehn bis fünfzehn Prozentpunkten vor Labour, von zwanzig bis fünfundzwanzig Punkten vor der Allianz. Ein gutes Omen für die Regierungschef Bei den Kommunalwahlen vom 7. Mai in England und Wales gab es keinerlei Einbrüche für die Tories, mancherorts sogar Gewinne.

Kann nun nichts mehr schiefgehen für Margaret Thatcher? So einfach ist es nicht. Zwar ist es schon siebzehn Jahre her, aber die geschichtsbewußten Engländer erinnern sich: 1970 standen die Zahlen und die Zeichen in gleicher Weise glücklich für Labour unter Harold Wilson, aber er verlor die Wahl, und das nicht einmal knapp, gegen seinen konservativen Kontrahenten Edward Heath.

Dennoch stehen die Chancen der Premierministerin, die lieber Mutter oder auch Großmutter der Nation genannt wird als Eiserne Lady, besser als gut. Bei den Wettbüros muß einer derzeit achthundert Mark einsetzen, um bei einem Sieg der Tories hundert Mark zu gewinnen. Da die Allianz ohne Chancen scheint, auch nur nach deutschem FDP-Muster das Zünglein an der Waage spielen zu können, wäre Großbritannien und seinen Nachbarn derzeit mit einem Sieg der Thatcher-Partei mehr gedient, als mit einem Erfolg der unberechenbaren Labour Party.

 
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