Von Fritz J. Raddatz

Johannes R. Becher, damals schon DDR-Kulturminister und noch immer „am Rande der schwarzen Flut“ lebend (auf deutsch: Morphinist) erinnerte sich: „Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten und von der wir nicht wußten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir in diesen acht Zeilen, wir sangen sie, wir summten sie, wir murmelten sie, wir pfiffen sie vor uns hin, wir gingen mit diesen acht Zeilen auf den Lippen in die Kirchen, und wir saßen, sie vor uns hinflüsternd, mit ihnen beim Radrennen. Wir riefen sie uns gegenseitig über die Straße hinweg zu wie Losungen, wir saßen mit diesen acht Zeilen beieinander, frierend und hungernd, und sprachen sie gegenseitig vor uns hin, und Hunger und Kälte waren nicht mehr. Alles, wovor wir sonst Angst oder gar Schrecken empfanden, hatte jede Wirkung auf uns verloren. Wir fühlten uns wie neue Menschen, wie Menschen am ersten geschichtlichen Schöpfungstag, eine neue Welt sollte mit uns beginnen, und eine Unruhe schworen wir uns zu stiften, daß den Bürgern Hören und Sehen vergehen sollte und sie es geradezu als eine Gnade betrachten würden, von uns in den Orkus geschickt zu werden.“ Wer war dieser „zwerghaft verwahrloste, grau, unrasiert, pickelig, mit einem sehr reinigungsbedürftigen Wollschal zu jeder Tageszeit“ Behaftete, und was war es für eine „Hymne“ auf den Untergang der gehaßten Bürgerwelt, die 1911 in der Wochenschrift Der Demokrat das „Weltende“ einläutete?

Zwei Jahre zuvor erst hatte Hans Davidsohn die Buchstaben seines Nachnamens anagrammatisch umgestellt, sich Jakob van Hoddis genannt, und kurz zuvor hatte Else Lasker-Schüler nach einer Sturm-Rezension geschrieben: „Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein schwarzschillernder Kopf blickt finster über die Brüstung des Lesepults. Jakob van? Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend, die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm stehlen. Vierreiher – Inschriften; rund herum müßten sie auf Talern geschrieben stehn in einem Sozialdichterstaat.“

Max Beckmann malte zu der Zeit am „Untergang von Messina“, Georg Heym fragte höhnisch, was denn „das Deutsche litterarische Publicum nur an dem Weimarer Höfling und Kunstbonzen im Nebenberuf hat, an diesem aufgeblasenen Idioten und feisten Wasserkopf Goethe“, und Alfred Richard Meyer schilderte den damaligen „Zeitgeist“: „Man kann sich heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen, mit welcher Erregung wir abends, im Café des Westens oder auf der Straße vor Gerold an der Gedächtniskirche sitzend und bescheiden abendschoppend, das Erscheinen des Sturms oder Aktion erwarteten, nicht so sehr auf den Rausch des Gedrucktseins bedacht als vielmehr scharf nach der Möglichkeit lugend: mit Worten angegriffen zu sein, die wie Ätzkalk oder Schwefelsäure wirken konnten. Wie heißt der neue Mann? Alfred Lichtenstein-Wilmersdorf. Und sein Gedicht ‚Die Dämmerung‘ betitelt. Verdrängt das ,Weltende‘ des Jakob van Hoddis?“ Das also fegte als Fanal durch Berlin:

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, In allen Lüften hallt es wie Geschrei, Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.