Von Michael Sontheimer

Fritzi Dollinger will wissen, was sich auf dem Parkplatz abspielt. Sie sieht einen Mann regungslos auf dem Boden hingestreckt. Die Studentin läuft zu ihm, kniet bei ihm nieder und ruft: „Da ist Blut!“ Sie nimmt vorsichtig seinen blutigen Kopf und bettet ihn auf ihre Handtasche. Nachdem er von Sanitätern abtransportiert ist, irrt sie geschockt mit blutbeschmierten Händen in Richtung Kurfürstendamm. In den nächsten Tagen wird das Photo, das Friederike Dollinger mit dem sterbenden Studenten Benno Ohnesorg zeigt, in allen Zeitungen prangen.

Die Demonstration gegen den Schah von Persien war die erste Demonstration ihres Lebens. Friederike Dollinger – heute arbeitet sie als Historikerin und Übersetzerin – wurde bald danach Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), später in der „Liga gegen den Imperialismus“ und deshalb ein Opfer des Berufsverbots für Lehrer. „Ich dachte, ich schau dem Faschismus ins Gesicht, und das hat mich in eine mir eigentlich fremde Radikalität getrieben“, befindet sie rückblickend. Der 2. Juni 1967 markiert einen Bruch in ihrer politischen und persönlichen Biographie. Und es erging nicht nur ihr so: Jener Tag hat die Republik verändert.

„Die menschliche Geschichte vollzieht sich sowohl in Bewegungen als auch in auslösenden Ereignissen.“ Professor Helmut Gollwitzer zieht heftig an seiner Pfeife. „Bevor solch ein auslösendes Ereignis kommt, weißt du nicht, womit die Geschichte schwanger geht. Sie geht schwanger mit solchen Bewegungen, aber dann muß irgend etwas kommen, damit sie wirklich nach außen dringen, das sich nicht planvoll herbeiführen läßt. Du kannst organisieren, was du willst, und es explodiert nicht, aber auf einmal springt der Funke.“ Helmut Gollwitzer – 79 Jahre alt, doch vital und engagiert seit den Tagen der Bekennenden Kirche – analysiert die historische Bedeutung des zweiten Juni 1967.

Zehn Jahre zuvor war er als Ordinarius für evangelische Theologie an die Freie Universität (FU) Berlin berufen worden. Seitdem lebt er in dem kleinen weißen Klinkerhaus in Berlin-Dahlem, nur ein paar hundert Meter von jenem Ort entfernt, an dem alles anfing, dem Campus der FU. „In Berlin“, betont er, „begann die Studentenrevolte schon 1965.“ Nachdem Eberhard Diepgen, der heutige Regierende Bürgermeister, im Februar 1963 nach nur siebzehn Tagen als Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (Asta) durch eine Urabstimmung gestürzt worden war, weil er einer schlagenden Verbindung angehörte, hatten die Linken immer mehr Einfluß in der Studentenschaft gewonnen.

Bereits im Dezember 1964 demonstrierten Studenten gegen den Besuch des kongolesischen Staatschefs Moise Tschombé, dem man die Ermordung seines linken Widersachers Patrice Lumumba anlastete. Sein Wagen wurde mit Tomaten bombardiert. Zur Demonstration aufgerufen hatte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), eine nach dem Krieg aus der Hochschulgruppe der SPD an der Ost-Berliner Humboldt-Universität hervorgegangene Organisation, deren Aktivisten sich neben solchen Aktionen vornehmlich der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus widmeten. 1960 schon hatten die Sozialdemokraten den SDS verstoßen, dessen Mitglieder sich mehr und mehr radikalisiert und den politischen Konsens des Wiederaufbau-Wunderwirtschafts-Deutschlands aufgekündigt hatten.

Einmal ging es den Studenten um rein universitäre Belange wie die Ablehnung der Regelstudienzeit und die Kritik an der professoralen Selbstherrlichkeit, zugleich aber reklamierte der Asta das „politische Mandat“, das Recht, sich zu politischen Fragen aller Art zu äußern. Schon 1965 initiierte der SDS die ersten Informationsveranstaltungen zum Vietnamkrieg. Die Rektoren und die überwältigende Mehrheit der Professoren reagierte auf die Politisierung des Campus mit blankem Unverständnis und autoritärer Willkür. Die linken Gruppen antworteten mit Sit-ins und Vorlesungsstreiks nach dem Vorbild des „Free Speech Movements“ an der kalifornischen Universität Berkeley. Die Berliner Rebellen begehrten zunächst die Demokratisierung der Hochschulen, dann, folgerichtig, die der gesamten Gesellschaft.