Von Gerhard Spörl

Endlich hält der Wagen, und der Fahrer macht eine bedeutungsschwere Handbewegung. Das Haus ist ebenso winzig und windschief wie alle anderen in diesem Ost-Belfaster Viertel, das schäbig und friedlich daliegt. Der kleine Krämerladen vorne an der Ecke wartet noch vergeblich auf Kunden aus der Nachbarschaft. Im Pub gegenüber, wo sich die Werftarbeiter täglich treffen und wohl auch diverse protestantische Bürgerkriegsmilizionäre ihren Stammtisch halten, wird gerade aufgeräumt. Auf den schmuddeligen Straßen fehlen die spielenden, tobenden, lebendigen Kinder. Nicht einmal ein kläffender Hund unterbricht die träge lauernde Geruhsamkeit Ich wundere mich, wie rasch ich mir angewöhnt habe, hinter den harmlosen Dingen nach untrüglichen Zeichen für Angst, Schrecken, Gewalt zu suchen.

Ost-Belfast ist Paisley-Land. In diesem Sanierungsgebiet nahe der Werft, wo die „Titanic“ in einer anderen Zeit vom Stapel lief und die heute viel zu groß ist für die wenigen tausend Arbeiter, die noch gebraucht werden, fand der haß- und rachsüchtige Presbyterianer-Priester von jeher seine Gemeinde, und er findet sie wohl noch lange.

In dem Haus, vor dem wir halten, hat Paisleys „Democratic Unionist Party“ (DUP) ihr Hauptquartier. Den Eingang überwacht eine schwer zu übersehende Kamera. In Nordirland wird zur Zeit nicht blindlings per Bomben, sondern gezielt gemordet; die IRA ist ins Hintertreffen geraten; das wird sie nicht lange auf sich sitzen lassen.

Die engen Flure rund um die kleinen, kargen Büros sind ganz dem Personenkult geweiht. Von zahllosen Photographien und Platten blicken massige, fleischige Gesichter ausdruckslos auf einen imaginären Punkt. Die kräftigen Hände hat diese brachiale Männergesellschaft verlegen vor den Bäuchen gefaltet. Aber die Finger sind nicht schlaff ineinander geschoben, sie sind ineinander verkrampft, verklammert, und man hört förmlich die Knochen knacken, weil sich soviel gefühllose Selbstbeherrschung nur unter Aufbietung von Gewalt vortäuschen läßt.

Seit kurzem läßt Paisley Vermutungen über seine Nachfolge freien Lauf. Zu den Diadochen zählt der korrekte Peter Robinson, der in seinem Büro ohne jede Geste und ohne je die Stimme zu heben über sich und sein Ulster erzählt.

Paisley war die Lichtgestalt seiner Jugend, „die einzige klare und prophetische Stimme“, erinnert er sich schnarrend. Das Belfaster Bürgertum habe sich schon damals am liebsten so verhalten wie heute: träge und überhaupt unfähig, richtig einzuschätzen, was die Stunde geschlagen hat. Robinson schrieb früh ein Bändchen, dem er Rudyard Kiplings Gedicht „Ulster 1912“ voranstellte. Es endet mit den als Drohung gemeinten Zeilen: „If England drive us forth / We shall not fall alone.“ Soviel Ulster-Chauvinismus imponierte Paisley. Seitdem organisieren die beiden gemeinsam die Abwehrschlacht der Protestanten gegen die Katholiken in West-Belfast, den Papst in Rom und die Regierung in London.