Immer mehr Anlässe, immer mehr Gedenktage

Von Horst Krüger

Ein neuer Zug geht durch unsere Zeit. Ist er eine Mode, eine Marotte, eine Sucht unserer etwas sinnentleerten späten achtziger Jahre? Sollte es sich um eine Erkrankung des Zeitgeistes handeln, so würde ich sein Zustandsbild „Jubilitis“ nennen. Jubiläen gehen in diesem Lande jetzt um wie Heuschnupfenanfälle. Frühe Anlässe, späte Rieseneffekte. Benötigt wird dazu eigentlich nur eine Zahl, eine magische Zahl muß es sein. Keineswegs muß diese Zahl historisch exakt stimmen. Nur rund muß sie sein und möglichst hoch. Sie mußwie beim Lottogewinn mit möglichst vielen Nullen imponieren.

Hat man sie, so ist der öffentlichen Freude keine Grenze gesetzt. Alles kann Anlaß zum Jubilieren sein: Künstler, Könige, Kathedralen. Nichts kann so verstaubt sein, daß man es nicht aufpolieren könnte zur allgemeinen Erbauung. Am ergiebigsten für solche Lüste erweisen sich komplette Stadtszenarien. Zu viel Vorteilhaftes kommt da allseitig zusammen. Stadtjubiläen sind wie Riesengeburtstagstorten für alle. Jeder kann sich sein süßes Stückchen herausschneiden. Alle profitieren vom kommunalen Glück. Wir erleben es einen ganzen Sommer lang jetzt in Berlin. Wer außer einer Handvoll Kreuzberger Chaoten wäre nicht frohen Herzens dabei? Auch geteiltes Glück kann noch groß sein. Es hilft nicht nur der Tourismusindustrie. Die Stadt strahlt im Jubelglanz. Es hilft vor allem den Politikern, sich mit deutlichen Grundsatzerklärungen zu profilieren.

Weiß man eigentlich, daß es damit keineswegs getan ist? Schon ein Jahr später steht ein weiteres Jubelfest an. Es heißt: 1000 Jahre Christentum in Rußland. Im Jahr 988 nämlich ließ sich Wladimir I. taufen. Anlaß genug, die stolze atheistische Sowjetunion in einige Verlegenheiten und das christliche Abendland in dankbares Glück zu versetzen. Weiß man auch, daß uns, wieder ein Jahr weiter, gleich zwei Jubiläen machtvoll ins Haus stehen? Im Jahr 1989 jährt sich nämlich die Französische Revolution zum 200. Mal. Für unsere feineren Feuilletons und Verleger wird das ein ernster Anlaß sein, die Folgen der bürgerlichen Revolution und Aufklärung kritisch zu bedenken. Zugleich erwartet uns im selben Jahr wieder ein Stadtjubiläum von eigenem nationalen Rang, sozusagen: 1989 wird unser kleines Bonn stolze 2000 Jahre alt. Ich sehe wieder viel kommunales Glück voraus: Beethovenfeste, Bundestagsfeiern, großer Zapfenstreich in Kasernen. Der Bundespräsident und der Oberbürgermeister empfangen. Und nicht ohne feinsinnige Anspielung auf Berlin wird irgendein Fernsehkommentator feststellen: Wir Westdeutschen besitzen eben doch die ältere Hauptstadt. 2000 Jahre Bonn – was ist schon Berlin mit seinen 750 Jahren daneben? Sind wir im Westen nicht doch die ältere Kulturnation?

Sinnstiftende Freude für alle

Was noch? Wer noch? Wo noch? Ich könnte beliebig fortfahren. Ich könnte zum Beispiel den 150. Geburtstag von Karl May erwähnen, der 1992 gewisse gesamtdeutsche Verlagsaktivitäten zwischen Radebeul und Bamberg erwarten läßt. Ich tue es nicht. Ich sage nur: Niemand sollte sich sorgen, was die kommenden Jahre betrifft. Auch Mitte der neunziger Jahre wird an runden Jubiläumsdaten kein Mangel sein. Wo ein fester, ich meine: ein festlicher Wille ist, findet sich allemal auch ein Weg. Diese jüngste Freude bleibt uns – jubilieren.