„Freiheit“, ruft jemand, „Freiheit!“ etwas lauter ein zweiter. Klatschen, zustimmendes Gemurmel. Ein kurzes Aufflackern, aber nicht heftig. Die Beteiligten spüren wohl die Peinlichkeit: Das Wort „Freiheit“ ist ein Zitat, es steht auf dem Lehrplan des Grundstudiums Marxismus-Leninismus. Oder es kommt in einem ganz anderen, ziemlich weltfremden Sinne über die Westsender.

Nach Mitternacht, als die Postenkette langsam vorrückt, ist es dunkel geworden Unter den Linden, und erst jetzt, im Schutz der Nacht, kommen auf einmal solche Worte hoch. Nach allen Regeln der Staatskunst wird die Herde ostwärts getrieben, die jungen Leute haben gelernt, sich treiben zu lassen. Doch etwas ist anders jetzt. Man ließ sie – unter Bewachung zwar – den ganzen Abend dort stehen am Brandenburger Tor; vom Rockkonzert drüben, beim Reichstag, war zwar nichts zu sehen, doch alles Nötige zu hören. Man ließ sie an einem West-Konzert teilhaben und trieb sie erst, als es zu Ende war, auseinander. Man gewährte ihnen ein ungewohntes Stück Freiheit – da fiel es ihnen wieder ein, das zerredete, eigentlich unbrauchbare Wort. Man ließ sie stundenlang und zuhauf vor der Mauer stehen wie vor einer großen Bühne, und da fiel es ihnen wieder ein: „Die Mauer muß weg!“

Das Ganze ist ein peinlicher Fauxpas in der deutsch-deutschen Normalisierung. Durch den Zufall, daß die „Eurythmics“ ihre Lautsprecher aus technischen Gründen gen Osten richten mußten, kommen irgendwann um Mitternacht in der Konfrontation mit den Staatsorganen Begehren hoch, politische Sätze, die man sich im Jahrzehnte währenden Alltag hinter der Mauer verbieten mußte, um nicht zu verzweifeln. Oder bloß Phrasen? Was bedeutet „Die Mauer muß weg“? Bedeutet es mehr als „Bühne frei“? Vielleicht ist etwas wach geworden in den jungen Leuten, das allzulang geschlafen hatte. Man merkt’s an der Unsicherheit, an dieser schwankenden Stimmung zwischen Wut und Albernheit.

„Freiheit!“ Das Wort klirrt, als hätte es einen Sprung. Vokabeln, die in einem DDR-Leben nichts taugen, sind ins Vergessen abgesackt, die großen allzugroßen Worte, die, wie man lernte, je nach Standpunkt dies und das bedeuten können. „Demokratie!“ kräht jemand und hat einen Lacherfolg.

Die ganze Szene ist wie aus einem alten Film. Wann war denn das? Dreiundfünfzig, da hatten sie nichts zu essen. Was fehlt jetzt? Die „Eurythmics“, die sich gerade über die Mauer hin haben vernehmen lassen, die fehlen im Friedrichstadtpalast? Aber das läßt sich doch regeln, Jugendfreunde, genauso, wie sich das mit den Normen hat regeln lassen. Also gehen Sie, Bürger, gehen Sie!

Irgendwas war da noch. Aber es ist so lang her oder zu weit weg. Der Vorzug des Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen liegt in seiner rasanten Anpassungsfähigkeit.

Aus einer anderen als der hintermäuerischen Perspektive mag es freilich unbegreiflich scheinen, weshalb sich da nicht längst zwei-, dreitausend junge Leute – so viele, wie es am Pfingstwochenende Unter den Linden waren – verabredet und auf den Weg gemacht haben, dieses ominöse Tor, das nun seit sechsundzwanzig Jahren keines mehr ist, einfach zu durchschreiten. Nicht der Bananen, sondern der Würde wegen. Wer sollte sie aufhalten?