Von Peter Seidlitz

Wie schmerzlich eine Landreform für die Landbesitzer sein kann, das erfährt Corazon Aquino, die Präsidentin der Philippinen, in der eigenen Familie. Denn die besitzt eine sechstausend Hektar große Zuckerplantage, die Hazienda Luisita. Frau Aquino stammt aus einer privilegierten Familie von Landbesitzern, die verwandtschaftlich verwoben ist mit den wohlhabenden Clans des Insel-Archipels.

Zur Aquino-Familie gehört der Onkel Eduardo Cojuangco, engster Vertrauter von Ex-Präsident Ferdinand Marcos, der mit dem Präsidenten das Land verließ. Gegenwärtig ist er allerdings dabei festzustellen, wieviel er zahlen müßte, um sich mit einem Vergleich die Rückkehr nach Manila zu erkaufen. Eduardo Cojuangco hatte sich kurz vor dem Coup der Militärs, der Frau Aquino ins Präsidentenamt brachte, die Herrschaft über die Zuckerindustrie des Landes verschafft.

In den Marcos-Jahren hatten die philippinische Zuckerkommission (Philsucom) und deren Handelsarm, die National Sugar Trading Corporation (Nasutra), ein Monopol. Zucker ist der größte Devisenbringer des Landes, bis in die achtziger Jahre hinein machte er zwölf Prozent des Gesamtexports aus. 500 000 Arbeiter sind vom Zucker abhängig, davon neunzig Prozent auf den Feldern. Präsidentschaftsdekrete von Marcos hatten seinerzeit dafür gesorgt, daß Philsucom und Nasutra von Steuern und Zollzahlungen ausgenommen wurden, daß sie die Genossenschaften kontrollieren, private Firmen gründen und dafür Geld ausleihen konnten. Aus dieser Machtstellung heraus konnten sie den gesamten Anbau, die Verarbeitung in den Mühlen und den Handel dirigieren sowie die Exportquoten bestimmen konnten. Dies ging soweit, daß der einstige Philsucom-Chef Robert Benedictor Zucker auf die Zuckerinsel importierte, um das Preiskartell zu festigen und damit mit dem Diktat von Philsucom unzufriedene Bauern durch Bankrott auszuschalten.

Die Folgen für die Zuckerindustrie waren katastrophal: Seit 1984 sackte die Produktion ab, Hunderttausende wurden arbeitslos, Farmen nicht bewirtschaftet. Die Plantagebesitzer ließen das Land brachliegen. Die Landbevölkerung verelendete. Die kommunistische Partei und ihr militanter Flügel, die Neue Volksarmee, hatten leichtes Spiel, die Landarbeiter und ihre Familien zu gewinnen.

Cojuangco, der neben dem Getränke- und Bierkonzern San Miguel (inzwischen von der Regierung teilweise übernommen) auch Textil- und Zementfabriken kontrollierte und Chef der Plantagebank für Kokosnüsse war, die Kokosnußmühlen und die Kokosnußsteuer monopolisierte, dieser Cojuangco hatte auch das Zuckervermarktungsmonopol. Überdies hatte er Hunderte von Millionen Dollar (die er sich mit der Marcos-Familie teilte) eingenommen durch den Kauf von neuen Zuckermühlen und Raffinerien, für die Rechnungen ausgestellt wurden, die doppelt so hoch wie der eigentliche Wert waren. Kein Wunder dann, daß die Weltbank in einem vertraulichen Papier, das der philippinischen Regierung als Empfehlung zur gegenwärtig vorbereiteten Landreform unterbreitet wurde, den Verkauf der Raffinerien und die Schließung der unproduktiven Zuckermühlen vorschlug.

Den Sumpf von Korruption und wirtschaftlicher Ineffizienz, in dem das Land unter Marcos versackte, nun trockenzulegen und besonders in die Plantagenindustrie geordnete Verhältnisse zu bringen, hat sich die Regierung von Frau Aquino vorgenommen. Gleichzeitig möchte sie die seit dem Ende des Weltkrieges diskutierte Landreform umsetzen. Dabei hat Frau Aquino nicht nur Schwierigkeiten im Kabinett – und sieht sich kritischen Anmerkungen der Weltbank ausgesetzt – ‚ sondern sie muß eben auch in der eigenen Familie kämpfen.