Von Hinrich Lührssen

Hannover

Der Ministerpräsident wirkte locker, von Anspannung oder gar Selbstzweifel war nichts zu merken. Ernst Albrecht tat das, was man am besten von ihm kennt: Er lächelte, umringt von Photographen und Kamerateams. Das überraschte, denn Ort und Anlaß waren eigentlich nicht danach: Im Raum 1105 des Landtages in Hannover sagte Ernst Albrecht vor dem elften Untersuchungsausschuß des Parlamentes aus, der die Hintergründe des vom niedersächsischen Verfassungsschutz am 25. Juli 1978 inszenierten Sprengstoffanschlags auf das Celler Gefängnis klären soll. Zweieinhalb Stunden sagte Albrecht aus, seitdem steht fest: Seine Regierungserklärung zum „Celler Loch“ und ein später nachgereichter Regierungsbericht stimmen nicht.

Sein damaliger Kenntnisstand habe „nicht in allen Punkten der Überprüfung standgehalten“, räumte der Regierungschef vor dem Untersuchungsausschuß ein. Sein Fazit: „Was man sich davon versprochen hat, ist nicht eingetreten.“ Die in der Regierungserklärung genannten Erfolge der „Aktion Feuerzauber“ habe er einem Vortrag des Verfassungsschutzes entnommen – als die Affäre bekanntgeworden war. Denn schließlich sei es nun einmal „die Situation der Regierenden, sich jeden Tag auf das zu verlassen, was uns gesagt wird“. Eine Begründung, die im Ausschuß vor allem für eines sorgte: Verblüffung.

Dabei haben die acht Abgeordneten des Ausschusses, die seit sieben Monaten auf der Spur des „Celler Lochs“ sind, schon einige Überraschungen erlebt. Akten kamen mit Verspätung oder wurden als „streng vertraulich“ eingestuft. Und schon vor der Vernehmung von Albrecht stand fest: Die „Aktion Feuerzauber“ hat alles mögliche ausgelöst, aber kaum die gewünschten Erfolge bei der Fahndung nach Terroristen. Und wichtige Fragen sind noch immer offen: War der zeitweise für den Verfassungsschutz zuständige Innenminister überhaupt eingeweiht? Wurde gegen die Verfassung verstoßen? Wie weit reichte der Einfluß des ominösen Versicherungsagenten Werner Mauss, der schon häufiger auch dem niedersächsischen Verfassungsschutz zu Diensten war?

Alles war vorbereitet. Schon in der Nacht zum 24. Juli 1978 lagen zwölf Verfassungsschützer, ein Sprengmeister der GSG-9 und Ministerialdirigent Jürgen Wiehe von der für den Verfassungsschutz zuständigen Abteilung 4 des Innenministeriums vor dem Celler Gefängnis auf der Lauer. Doch die geplante Aktion mußte verschoben werden. Ein Liebespaar kam vom Schützenfest und spazierte in den Park, der nur vom Fluß getrennt dem Gefängnis gegenüberliegt. Für die „Aktion Feuerzauber“ die erste Panne – aber die mit den geringsten Folgen.

Erst in der darauffolgenden Nacht, um 2.54 Uhr, konnte der Sprengsatz explodieren. Zurück blieben ein eineinhalb Quadratmeter großes Loch in der Gefängnismauer, ein Schlauchboot an der Uferböschung und eine Pistole vom Typ Walther PPK 7,65 Millimeter – eine Dienstwaffe, verloren von einem Verfassungsschützer. Zwei Tage später meldete die Deutsche Presseagentur „Der Sprengstoffanschlag auf das Celler Gefängnis wird der Terroristen-Szene zugeschrieben.“ Die Polizei, hieß es, fahnde nun nach einem ehemaligen Mitgefangenen des in Celle einsitzenden Terroristen Sigurd Debus. Sein Name: Klaus-Dieter Loudil. Er war am 1. Juni nach einem Freigang nicht ins Gefängnis zurückgekehrt. In der dpa-Meldung hieß es weiterhin: „Zur Aufklärung könnte auch der Maschinenschlosser Manfred Berger, der zum Bekanntenkreis von Debus gehört, beitragen.“ Die Meldung war eine Finte des Verfassungsschutzes. Klaus-Dieter Loudil und Manfred Berger waren in der Haft V-Männer geworden. Durch die Bombe und Berichte sollten sie zur Terror-Szene Zugang finden. Doch das wußten weder Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, der zunächst die Ermittlungen übernahm, noch der Leiter des Landeskriminalamtes, Waldemar Burghard, der Zielfahnder nach den beiden suchen ließ.