Sommer: Österreich schickt sich an, eine neue Ära einzuläuten. Ihm stellt sich die Frage der Modernisierung, der Aktivierung einer unternehmerischen Schicht. Was hat sich die Große Koalition in dieser Beziehung vorgenommen?

Vranitzky: Wir haben zwanzig Jahre lang – einmal mit der ÖVP, dann mit der SPÖ – monocolore Regierungen gehabt, bis dann 1983 die kleine Koalition mit den Freiheitlichen kam. Die Herausbildung absoluter Mehrheiten wird pro futuro in Österreich wahrscheinlich für jede der beiden großen Parteien sehr, sehr schwierig werden. Das hängt zusammen mit dem Vordringen der Grünen und der Alternativen, aber es hängt natürlich auch zusammen mit einem sehr geschickten, sehr begabten FPÖ-Führer, der es verstanden hat, in einer etablierten Partei Protestpotential zu konzentrieren, das sich ansonsten meist im Nichtwählen oder im Hergeben der Stimme für Splittergruppen geäußert hat.

Die Große Koalition ist zunächst als „Elefantenhochzeit“, „Dampfwalze“, „Unterdrückung demokratischer Entscheidungsbildungsvorgänge“ interpretiert worden. Die beiden Parteien aber haben, um das abzufangen, im Grundsatz – in der Technik sind sie noch nicht sehr weitergekommen – eine Stärkung der Minderheitsrechte im Parlament selbst zur Diskussion gestellt und angeboten. Das ist von den Minderheiten als nicht ausreichend erachtet worden; es wird da aber zu Regelungen kommen.

Über die Grundidee haben wir beide, Josef Taus und ich, aber schön lange, ehe von einer Großen Koalition überhaupt die Rede war, ziemlich oft diskutiert und uns auf einer gemeinsamen Linie gefunden. Dabei ist Dr. Taus ein vielleicht noch engagierterer Großkoalitionär als ich selber, aber ich bekenne mich schon dazu.

Die Grundidee ist, daß nur die beiden großen Parteien in einer gemeinsamen Regierung die notwendige Modernisierung zuwege bringen. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei allerdings, daß die jeweilige Regierungsmannschaft in ihren eigenen Reihen das durchbringt und durchträgt, was notwendig ist und als notwendig anerkannt wird.

Sommer: Was haben Sie sich vorgenommen?

Vranitzky: Wir stehen – wie andere Staaten – sehr stark unter dem Eindruck ökonomischer Notwendigkeiten. Bei uns sind bestimmte Strukturanpassungen später vorgenommen worden oder werden überhaupt erst jetzt eingeleitet, die andere Länder schon hinter sich oder doch in Angriff genommen haben. Dabei denke ich besonders an die Industrie, aber auch an das Steuersystem. Modernisierung muß aber natürlich viel mehr bedeuten als moderne Maschinen und Fabrikshallen. Darin liegt vielmehr in erster Linie eine gesellschaftspolitische Frage, eine Frage der Einstellung zu bestimmten Themen: Ausbildung, Kultur im weitesten Sinne, die künftige außenpolitische Positionierung.