Dennoch wirkt die Summe der politischen Programme auf die Entscheidungen der Eltern ein

Von Franz-Xaver Kaufmann

Das Wort Bevölkerungspolitik stößt bei Zeitgenossen überwiegend auf Ablehnung. Der Staat habe in den Schlafzimmern nichts zu suchen, und jedes Paar müsse das Recht haben, frei über die Zahl seiner Kinder zu entscheiden, meinen die einen Bevölkerungspolitik sei ein Zeichen des Nationalismus, den sich die Deutschen mit guten Gründen abgewöhnt hätten, sagen die anderen. Und im Hintergrund lauern schlimme Erinnerungen: Mutterkreuz, Rassenmord, die Züchtung des germanischen Übermenschen.

Weniger eindeutig ist die Ablehnung, wenn es um die Völker der Dritten Welt geht: Gehört die Bekämpfung der „Bevölkerungsexplosion“ nicht zum Kampf gegen Armut und für wirtschaftliche und soziale Entwicklung? Bevölkerungspolitik also nur bei den anderen, aber nicht bei uns?

Sobald wir über die Grenzen unseres Landes hinaussehen, können wir zwar unterschiedliche Auffassungen über die Notwendigkeit oder Wünschbarkeit von Bevölkerungspolitik finden, aber nirgends läßt sich eine ähnliche allgemeine emotionale Ablehnung allein schon des Gedankens beobachten wie in der Bundesrepublik. Vor allem unsere westlichen Nachbarn, die Franzosen, können nicht verstehen, daß im Land mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt Bevölkerungspolitik ein Tabu darstellt. Für sie ist Bevölkerungspolitik seit rund einem Jahrhundert ein stehender Begriff, und demographische Argumente haben in der Diskussion um die Ausgestaltung von Familien-, Sozial- und Wirtschaftspolitik einen angestammten Platz.

Diese unterschiedliche Einschätzung wird vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen verständlich. In Frankreich hat das nationalistische Motiv stets eine große Rolle gespielt. Es hat sich nie in der Weise durchgesetzt, daß Bevölkerungspolitik mehr als eine am Kinderreichtum orientierte Familienpolitik und Einwanderungspolitik gewesen wäre. Im Dritten Reich dagegen wurden Quantität und rassische Qualität zu Zielen staatlicher Politik, die ohne Rücksicht auf Menschenwürde und familiale Bindungen mit allen Machtmitteln verfolgt wurden.

Historische Erfahrungen