Sonntagnachmittag, vor einem Reihenhaus am Rand einer deutschen Kleinstadt: Eine Familie bricht auf, um die Großmutter im nächsten Ort zu besuchen. Der Vater zwängt sich hinter das Lenkrad seines Wagens, die Mutter setzt sich neben ihn, und die vierjährige Stefanie schlüpft in den Fond, wo sie neben ihrem Kindersitz Platz nimmt – wie immer auf kurzen Fahrten.

Ein Augenblick, der das Leben der Familie R. zerstört. Denn als der Wagen ein paar Minuten später von einem Kolonnenspringer abgedrängt wird und sich im Acker überschlägt, wird Stefanie durch die Heckscheibe geschleudert und stirbt noch an der Unfallstelle. Ihre Eltern, die beide angeschnallt waren, kommen mit leichten Blessuren davon. Die werden nach ein paar Wochen verheilt sein. Aber ihr Leben lang werden sich Frau und Herr R. mit Selbstvorwürfen quälen, und es wird sie auch nicht trösten, zu wissen, daß sie nach allen Regeln unserer Straßenverkehrsordnung eigentlich gar keinen Fehler gemacht haben.

Denn anders als für Erwachsene gibt es für Kinder unter zwölf Jahren keine Anschnallpflicht.

Eine groteske Situation: Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigten, daß der Großteil der Autofahrer weder durch Aufklärungsarbeit noch durch Appelle dazu gebracht werden konnte, sich im Auto anzuschnallen. Erst die Androhung von Bußgeld hat das Anschnallen zur Routine gemacht und einen dramatischen Rückgang der Unfallziffern (vor allem der Zahl der Getöteten) bewirkt. Kinder freilich sind nach wie vor die einzigen, um deren Sicherheit im Auto sich der Gesetzgeber kaum Gedanken macht.

Im Bundesverkehrsministerium jedenfalls ist man mit den Überlegungen zu diesem Problem um keinen Schritt weiter als noch vor drei, vier Jahren. Damals wie heute die Auskunft von Pressesprecher Siegfried Vogt: Man müsse erst einmal abwarten, bis ausreichend gute und universelle Rückhaltesysteme zur Verfügung stehen, man prüfe aber, ob man die Verwendung vorhandener Kindersitze zwingend vorschreiben könne, und im übrigen hoffe man auf das Verantwortungsbewußtsein der Eltern. Außerdem soll bei nächster Gelegenheit Vorschrift der Straßenverkehrsordnung werden, daß Kinder in geeigneten Rückhaltesystemen auch auf dem Beifahrersitz transportiert werden dürfen, toleriert werde das heute schon.

Hoffen ist gut, prüfen ist in Ordnung, aber warten kostet Menschenleben. Weit über 100 Kinder werden jährlich als Insassen von Kraftfahrzeugen bei Unfällen getötet; drei von vier getöteten Kindern könnten nach einer Schätzung des HUK-Unfallforschers Klaus Langwieder noch leben, wenn sie beim Unfall angeschnallt gewesen wären. Klare Rechnung: Mindestens 80 Menschenleben könnten jedes Jahr gerettet werden.

Sicher: Ganz so einfach ist es nicht mit der Anschnallpflicht für Kinder. Vor allem würde sie Familien mit Kindern zusätzlich belasten, denn Kindersitze sind nicht billig, sie passen immer nur für ein paar Jahre und beanspruchen einen ganzen Erwachsenenplatz im Auto. Jeder, der zusätzlich zum eigenen Kind auch noch mal das Nachbarskind zum Familienausflug mitnimmt, müßte also einen zweiten Sitz haben; Fahrgemeinschaften zur Schule und zum Kindergarten, die heute manche Mutter entlasten, würden fast unmöglich. Familien mit mehr als drei Kindern (oder mit drei Kindern und Oma) könnten mit einem normalen Pkw nicht mehr fahren, sondern müßten auf einen Kleinbus mit mehr als fünf Sitzplätzen umsteigen. Was wäre mit denjenigen, die nur hin und wieder einmal ein Kind mitnehmen? Und mit Taxis? Müßten die dann ein ganzes Sortiment von Kindersitzen parat haben?