Vor geraumer Zeit hatte sich das Bundesverfassungsgericht einmal mit dem gewaltigen Vorwurf zu befassen, daß ein weibliches Wesen in der brieflichen Anrede stets zur „Frau“ zusammenschrumpfe, mag es sich auch noch so sehr als Dame fühlen, es vielleicht auch sein. „Sehr geehrte Dame Meier oder Schulz“, derartiges käme niemanden in denSinn, der einer Frau einen Brief schreibt.

Der Absender dieser Verfassungsbeschwerde war weiblichen Geschlechts, ob Dame oder Frau war ihrer schriftlichen Eingabe nicht anzusehen. Jedenfalls scheiterte sie – nach zwei arbeitsgerichtlichen Instanzen – höchsten Ortes. Die Karlsruher Richter vermochten der Verfassung nicht das zwingende Gebot zu entnehmen, jede Frau zur Dame aufzunobeln, wie jeden beliebigen Mann zum Herrn. Dabei mochten die sicher weder frauen- noch damenfeindlichen Richter auch daran gedacht haben, daß die Emanzipation vor allem im Arbeitsleben noch so manche Frage aufwirft, daß aber die verfassungsrechtliche Klärung dieses kleinen Unterschieds in einer Anredefloskel die Mühe der Edlen nicht wert sei. Ein wenig größer ist der Unterschied schon, über den sich jetzt das Bundesarbeitsgericht in Kassel den Kopf zerbrechen mußte. Da ging es nicht um Damen oder Herren, aber immerhin um Männer oder Frauen. Und es ging nicht um eine Anredefloskel auf dem Papier, sondern um eine Ungleichbehandlung, deren Folgen sich in Mark und Pfennig beziffern ließen.

In einer Betriebsvereinbarung waren die Gruppen von Mitarbeitern aufgelistet, die später eine Betriebsrente erwarten konnten: die Prokuristen, Betriebsleiter, Handlungsbevollmächtigten, Abteilungsleiter, Meister und schließlich die Schichtführer. Alles Männer, wenn man das so las, denn weder war von Meisterinnen noch von einer Schichtführerin die Rede. Dies rügte – neben anderem – der Betriebsrat, der vor den Arbeitsgerichten gegen die Vereinbarung zu Felde zog: Da der begünstigte Mitarbeiterkreis nicht „geschlechtsneutral“ bekannt war, seien die Frauen diskriminiert und damit der Gleichberechtigungsgrundsatz und das Lohngleichheitsgebot verletzt.

Also wurden die Richter vorübergehend zu Sprachforschern, als sie – auf der Suche nach Selbstverständlichem – dem semantischen Sinn dieser Regelung nachspürten. In der betrieblichen Praxis, so meinten sie, sei ebenso wie in der Rechtsprechung ein Sprachgebrauch üblich geworden, „der nicht sorgfältig zwischen der männlichen und der weiblichen Bezeichnung unterscheidet“. In Begriffen wie Arbeitnehmer, Angestellter oder Meister sehen sie umfassende „Oberbegriffe, die Männer und Frauen gleichermaßen kennzeichnen“. Zwar räumen sie ein, daß man diese Ungenauigkeiten bedauern, sie auch sprachlich mißbilligen könne. Eine juristische Diskriminierung hingegen sehen sie in dieser Sprachform vernünftigerweise nicht – Frau in diesem Sinne ist, so könnte man einen alten Juristenscherz abwandeln, auch der Mann.

Für ihre Auslegung führten die Richter ein weiteres Argument ins Feld: Immerhin eine weibliche Angestellte, die in diesem Unternehmen tätig war, hätte den Sprung in den Kreis der Rentenberechtigten geschafft.

Daß Frauen auf der Karriereleiter langsamer klettern als Männer, in der Wirtschaft wie anderswo, ist eine Binsenwahrheit. Es gibt dafür zahlreiche Vorwände, manche Erklärungen und nur wenige Gründe. Die Sprache mag hier ein verräterisches Symptom sein – aber durch Spracnkosmetik allein würde der Befund sich nicht ändern. Zwar sind bei uns inzwischen Begriffe wie Präsidentin oder Ministerin gängig geworden, ohne daß ihre Zahl sich alarmierend erhöht hätte. Schon seit langen Zeiten war das Wort von der Frau Meisterin gang und gäbe – ohne daß Meisterinnen die Zünfte überschwemmt hätten. Inzwischen gibt es neben dem „Vertrauensmann“ auch die „Vertrauensfrau“ – wer hätte, außer in Schlagertexten, ernsthaft bestritten, daß sich auch einer Frau trauen läßt? Wenn Frauen im Arbeitsleben der allmähliche Marsch durch die Instanzen gelingt, wird sich ein Wort für sie schon einstellen. Der Oberbegriff für Mann und Frau lautet noch immer – Mensch. Rudolf Gerhardt