André Hellers neues Schau-Spiel „Luna Luna“ in Hamburg

Von Rolf Michaelis

So etwas hat es noch nie gegeben. Dreißig berühmte Künstler aus aller Welt werkeln nicht für die Ewigkeit, sondern für den Wanderzirkus eines Rummelplatzes. Der todkranke Salvador Dalí hat seine Entwürfe für einen Spiegel-Dom hergegeben, in dem sich jeder Besucher, der sich in den Mittelpunkt des Silber-Zeltes stellt, tausend und tausendmal wieder sieht – bis zur Augentäuschung, Sinnverwirrung, bis zum Wahn-Sinn.

Wahn-Sinn: das ist André Hellers neues Schau-Spiel „Luna Luna“, ein Jahrmarktsfest der zeitgenössischen Kunst. Bis zum 19. Juli sind auf der Moorweide, zwischen Dammtor-Bahnhof und Alster, auf 17 000 Quadratmetern achtunddreißig Kunst-Spielzeuge, nein: eben nicht nur zu besichtigen, sondern auch zu benutzen – unter anderem

  • ein Ketten-Karussell des amerikanischen Malers und Bildhauers Kenny Scharf;
  • ein Riesenrad des aus der Karibik stammenden Zeichners Jean Michel Basquiat;
  • eine Schieß- und Glücks-Bude des Bildhauers und im grellen Stil der „Jungen Wilden“ pinselnden Jörg Immendorf;
  • eine Schiffsschaukel des österreichischen Zeichners, Sängers und Filmemachers Christian Ludwig Attersee;
  • ein Glaslabyrinth des amerikanischen Malers Roy Lichtenstein;
  • ein Karussell des österreichischen Schriftstellers, Architekten und Bildhauers Arik Brauer;
  • eine klingende Raum-Skulptur des englischen Malers und Bühnenausstatters David Hockney;
  • eine Zauber-Bude, in der die österreichische Malerin und Künstlerin Gertrud Fröhlich Sonne, Mond und Sterne – und Vögel in Form bunt überzuckerter Lebkuchen verkauft;
  • die auf einem Festplatz für jeweils dreitausend Leute an den beiden Veranstaltungen täglich (15-19, 20-24 Uhr) unentbehrlichen Toiletten, die der Schweizer Künstler und Aktionist Daniel Spörri getreu der Imponier-Architektur des Nazi-Baumeisters Alfred Speer für Hitlers Reichskanzlei als „Kack-Kanzlei“ auf die Wiese stellt.

Gedichtet hat für Hellers „Luna Luna“ Hans Magnus Enzensberger. Ein Manifest verfaßt hat kurz vor dem Tode Joseph Beuys. Komponiert haben der Maestro der Minimal Music, Philip Glass, der österreichische Aktions-Künstler Hermann Nitsch, Arik Brauer und der amerikanische Jazz-Trompeter Miles Davis. Und über allem flattern die 28 fröhlichen Fahnen der Hamburgerin Monika Gilsing.

Wahn-Sinn: Anders wäre der Kindertraum einer Festwiese aus lauter Kunstwerken als Gebrauchsgegenständen nicht Wirklichkeit geworden. Seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet der am 22. März 1946 in Wien geborene Schriftsteller, Sänger, Liedermacher, Impresario seiner Wunschträume an diesem als Gesamtkunstwerk gewollten Park der Phantasie. „Luna Luna“ nennt er im Untertitel „Ein schönes Vergnügen“.