Von Rudolf Walter Leonhardt

Die Frage „Möchten Sie Engländer sein?“ wurde im Jahre 1957 von 20 Prozent aller Deutschen bejaht, von weiteren 30 Prozent mit der Einschränkung „wenn ich nicht nun einmal Deutscher wäre“. Statistiken können lügen. In diesem Falle jedoch stimmen sie mit Beobachtungen darin überein, daß im Jahre 1957 Großbritannien das geachtetste und beliebteste Land Europas war: weil es das Land war, das Hitlers Armeen standgehalten hatte; weil es die besten Beziehungen zur Großmacht des Westens unterhielt; weil es Mittel- und Drehpunkt eines zum Commonwealth demokratisierten Imperiums war; weil dort die ältesten Traditionen und der beste Stil zu Hause waren.

Warum ausgerechnet 1957? Das hat persönliche Gründe. Die letzten dreißig Jahre sind gewissermaßen „meine Jahre“. Von 1953 bis 1955 war ich Londoner Korrespondent der ZEIT, nachdem ich von 1948 bis 1953 an der Universität Cambridge gelehrt und für die BBC sowie für englische Zeitungen gearbeitet hatte. 1957 erschien dann mein Buch „77mal England“.

Die englische Gesellschaft, die ich bald, wo Vorsicht geboten war, die britische Gesellschaft zu nennen lernte, erschien mir damals als deutlich in drei Klassen geteilt: Arbeiter, Mittelstand und Aristokratie. Und heute?

Das Drei-Klassen-Schema war schon damals eine jener Verallgemeinerungen, die man riskieren muß, damit überhaupt ein Bild entsteht. Heute ist es auch als Verallgemeinerung nicht mehr haltbar. Im letzten Wahlkampf war wieder viel die Rede von der alten Disraeli-Teilung in „two nations“: Arme und Reiche. Die Reichen wohnen im Süden, die Armen im Norden; die Reichen in gepflegten Vorstädten oder auf dem Lande, die Armen in den sogenannten inner cities. „Inner cities“ ist übrigens ein typisch englischer Euphemismus. Toxteth oder Brixton liegen eben nicht in der Stadtmitte von Liverpool oder London, sondern am Rande. Auch spielt die geographische Lage überhaupt keine Rolle; entscheidend ist vielmehr die Tatsache, daß es sich bei den inner cities immer um Stadtteile mit einem großen Anteil farbiger Bevölkerung handelt.

Das gehört nun zu den drei drastischen und folgenschweren Veränderungen, die Großbritannien während der letzten dreißig Jahre durchgemacht hat:

  • der gewaltige Zustrom farbiger Bevölkerung aus dem ehemaligen Empire;
  • der fortschreitende Verfall des Commonwealth;
  • die Verwerfung der alten Klassenstrukturen.