/ Von Christoph Bertram

Moskau, im Juni

Es sei manchmal schon nicht leicht mit dem Generalsekretär, hat ein hoher sowjetischer Beamter vor kurzem einem westlichen Diplomaten gestanden: „Er will immer neue Vorschläge von uns haben, wir kommen bei seinem Tempo kaum noch mit.“

Michail Gorbatschow, von dem die meisten westlichen Beobachter meinen, die eigentliche Bewährungsprobe stünde ihm noch bevor, sorgt auf jeden Fall für erfrischenden Wirbel. Zwar stößt der westliche Besucher, der mit Beamten, Funktionären, Militärs und Wissenschaftlern über die nächsten Schritte in der Abrüstung spricht, auch heute nirgendwo auf Kritik an der neuen Führung. Aber zwischen den von oben gesetzten Grenzpflöcken des neuen Denkens tummeln sich Debatte und Diskussion; so neugierig wird heute anderswo kaum über die Zukunft der internationalen Sicherheit nachgedacht wie in Moskau.

Das gilt besonders für das Thema, das auch viele westliche Regierungen gern als nächsten Punkt auf der Tagesordnung ost-westlicher Verhandlungen sähen: die konventionelle Abrüstung. Damit haben beide Seiten, wenn überhaupt, zumeist schlechte Erfahrungen gemacht. Seit vierzehn Jahren dümpeln in Wien die Gespräche zwischen Nato und Warschauer-Pakt-Staaten über den Truppenabbau in Mitteleuropa vor sich hin, einem Ergebnis heute so fern wie eh und je. In der atomaren Abrüstung zwischen den Weltmächten zeichnet sich zwar, nach langen Mühen, das erste Abkommen seit 1979 ab; im Oktober, so auch die Vermutung in Moskau, dürfte der Vertragstext in Genf über die doppelte Null-Lösung für Europa unterschriftsreif sein. Aber im Vergleich zur Eindämmung der konventionellen Rüstung ist die atomare Abrüstung ein Kinderspiel. Da müssen allenfalls Raketen und Sprengköpfe, nicht aber auch Divisionen, Brigaden und Bataillone, Panzer und Flugzeuge, Technik und Geographie, Doktrinen und Traditionen gewogen und gewichtet werden. Das Ganze ist ein Knäuel, das kaum mit einem Schwerthieb durchhauen, sondern nur in mühsamer Kleinarbeit entwirrt werden kann.

Überlegungen, wie dies zu erreichen sei, gibt es gewiß auch im Westen. Aber die meisten westlichen Staaten, die in diesen Tagen lauthals fordern, die Abrüstung dürfe nicht auf atomare Waffen beschränkt bleiben, wissen noch nicht einmal, wer denn überhaupt an den Verhandlungstisch soll. Nur die Mitgliedsstaaten von Nato und Warschauer Pakt, wie die Vereinigten Staaten fordern? Oder alle Teilnehmerländer der Europäischen Sicherheitskonferenz, wie Frankreich insistiert? „Erst habt ihr die Null-Lösung bei den weiterreichenden Mittelstrecken vorgeschlagen“, kommentiert spitz ein Gorbatschow-Vertrauter. „Als wir dem zustimmten, habt ihr euch furchtbar über das Ungleichgewicht bei den Kurzstreckenwaffen erregt, bis wir sagten: Okay, nehmen wir die auch weg. Jetzt redet ihr dauernd von der Notwendigkeit konventioneller Rüstungskontrolle. Wißt ihr eigentlich, was ihr wollt?“

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