Über donnernde Botschaften verfügt er nicht, doch er will mehr sein für seine Partei als nur ein Brandt-Nachfolger: ein Erneuerer aus eigenem Recht

Von Rolf Zundel

Gab es sie überhaupt, diese quälende, orakelhafte, auch böse Diskussion in Hinterzimmern und auf offener Bühne, wer Willy Brandts Nachfolger als Parteivorsitzender werden sollte, an der sich nur einer – demonstrativ – nicht beteiligte: Hans-Jochen Vogel? Er erinnert sich noch daran. Noch heute verwahrt er den Zettel in der Brieftasche, worauf in energischen Sütterlin-Buchstaben vermerkt steht, daß diese Debatte für die Partei und die Betroffenen schädlich sei. Wann immer Journalisten fragten, hat er den Zettel herausgezogen – statt einer Antwort.

Er hatte gut schweigen, sagen heute manche. Hatte sich doch Oskar Lafontaine, der Napoleon von der Saar, wie er damals in wohlig-ängstlicher Erwartung eines politischen Raubtiers genannt wurde, das Risiko eines Waterloo vor Augen, längst in Reih und Glied hinter Vogel eingeordnet, wenn auch an prominenter Stelle. Da hat es Enttäuschung gegeben, aber von einer verpaßten Chance redet fast niemand mehr. Was damals gehofft oder befürchtet wurde, wirkt heute wie ein flüchtiger Einfall, der glücklicherweise Gedankenspiel geblieben ist. Die solide Realität trägt den Namen Hans-Jochen Vogel, fraglos. Welchen denn sonst?

So selbstverständlich wirkt die Wahl Vogels, daß fast übersehen wird, wie groß für SPD-Verhältnisse die Amts- und Machtakkumulation ist. Die alte Troika, diese nicht durch Freundschaft, aber durch Notwendigkeit zusammengehaltene Führungsgruppe, die noch in der Dissonanz den politischen Reichtum der SPD augenfällig machte, ist passé, die Partei wird jetzt auf eine Spitze hin organisiert. Fraktionsvorsitzender, Parteichef, Vorsitzender der Programmkommission – alle Rollen übernimmt Vogel. Nirgendwo ist ein Nachfolger in Sicht, und Vogel kann nicht einmal sicher sein, ob er nicht doch wieder, wenn auch gegen seine Absicht, Kanzlerkandidat werden muß. An ihm vorbei jedenfalls wird es keiner. Muß es einem da nicht schwindlig werden?

Vogel hat, wenn er überhaupt darüber spricht, die obligaten Antworten bereit, eine gute Mischung aus Demut und Selbstbewußtsein: „Ich mach’ mir keinerlei Illusionen darüber, was da auf mich zukommt. Aber es gibt eben im Leben Dinge, die müssen getan werden, bei denen gibt es kein Drücken oder Ausweichen.“ Auch wenn er seine Wahl eine „Auszeichnung“ nennt, eine unverdiente Überraschung ist sie für ihn nicht. Der erste zu sein, ist ihm eher ein natürlicher Zustand. Er ist, und das begann schon, noch ehe die Entscheidung offiziell getroffen war, unübersehbar zur dominierenden Figur geworden, vielleicht noch nicht der Prinzipal, aber jedenfalls Primus.

Seine Parteifreunde bescheinigen ihm übereinstimmend: „Er ist gut drauf.“ Und sie meinen damit, daß er sicher und souverän wirkt, in Schwung. Jedenfalls – und das ist wohl eine typische Reaktion Vogels auf neue Herausforderung – sein Hochleistungsmotor läuft noch einige Umdrehungen schneller, werktags und feiertags.