Jedem aufmerksamen Zeitungsleser leuchtet ein, daß die Versuchung auf die Dauer unwiderstehlich war. Niklas Frank ist Kulturredakteur des stern: sein Vater, Hans Frank, war Hitlers Stellvertreter in Polen und starb 1946 am Galgen in Nürnberg. Irgendwann mußte es ja passieren.

Wer aber schützt den Leser einer Zeitschrift, wenn sich darin vorwarnungslos ein Journalist zum ödipalen Helden aufwirft und sein Seelengekröse mit haßverseuchtem Gefasel aller Welt kundtut? Und wer bewahrt den Offenbarer davor, sich zu entseelen? Es bedarf dazu lediglich eines Redakteurs, der seinem Kollegen psychosozialen Beistand leistet und der die Leserschaft nicht als geistigen Abfalleimer mißachtet.

Im stern scheint sich solch ein Mann an verantwortlicher Stelle nicht zu finden. Indes plagt das Blatt das Hitlersche Tagebuch-Syndrom, der nachgerade krankhafte Zwang, den bösen Geist brauner Dämonen heraufzubeschwören, als handle es sich dabei um ein vertrautes Hausgespenst. Einmal war man dem schelmischen Schriftführer Konrad Kujau auf den Leim gegangen; nun versicherte man sich des nachweislichen Sohnes einer Nazi-Größe, um mit aller geziemenden Sensationsgier neuerlich ein diesmal hoffentlich authentisches Horrormärchen aufzutischen. Die Moral: man spart mit Ekel nicht.

Schon am ersten Satz würgt der – noch – ahnungslose Leser der groß aufgeblasenen stern-Serie „Mein Vater der Nazi-Mörder“; er besagt, daß der Vater zwar zeugen, nicht aber die Mutter befriedigen konnte. Eine „gnadenlose Abrechnung“ nennt sich das? fragt insgeheim der nach wenigen Worten bereits skeptische Leser.

Nun, Injurie um Injurie, versinkt der Bericht tiefer in die infernalisch gequälte Seele des Erzählers; wird ekelhaft und immer ekelhafter. Ödipus ist perplex: nekrophile Sexualphantasien steigen ihm hoch, ein ums andere Mal wird die übermächtige Vaterfigur gemordet, gemeuchelt und mit orgiastischer Lust hingerichtet. „... den Strick um den Hals und ab in die Ewigkeit. Dafür krieg ich den Orgasmus“, so gesteht der Sohn, daß er sich an der Vorstellung seines gehenkten Vaters aufgegeilt habe. Dem Leser schwinden die Sinne. Kann sich denn dieser Mann tatsächlich keinen Analytiker leisten? denkt er mit letzter Kraft.

„Barbie, Frank, Waldheim und die Hölle in uns“ (im stern f) – ein moribunder Rechtfertigungsversuch soll über die Hintergedanken der Blattmacher hinwegtäuschen. Aufgebrachte stern-Redakteure hatten ihrer Chefredaktion dieses Editorial abgetrotzt. Michael Jürgs, einer aus dem Triumvirat der Zeitschrift, ergänzte daraufhin das Widerliche um das Peinliche: Er schreibt, er halte „diese Sprache, diese Gnadenlosigkeit“ – gemeint ist die Triebabfuhr im Allerweltsdeutsch des Autors – für die „einzig adäquate Antwort auf das unaussprechliche Grauen“, et cetera-blahblah.

Augenblick, wie bitte? Adäquate Antwort? Auf das Unaussprechliche? Wenn Niklas Frank beispielsweise schreibt: „Ich fühle deine Todesangst, wie sie hochsteigt, mir zur Lust wird ...“