Die schwersten Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften der DDR und Ostberliner Jugendlichen seit zehn Jahren gab es Pfingsten in der Nähe der Mauer.

Ostberliner Rockfans, die die Konzerte von jenseits der Mauer beim Reichstag mithören wollten, wurden von der Polizei abgedrängt; vor allem am Montag gab es zahlreiche Festnahmen und Prügelszenen.

Am Pfingstsonnabend waren nur einige hundert Jugendliche zur Mauer am Brandenburger Tor gepilgert, hatten aber nur wenig von dem Konzert hören können. Es gab jedoch vergleichsweise harmlose Rangeleien an den Absperrungen der Polizei.

Am Sonntag eskalierte die Situation. Die Rockband Eurythmics war auch in Ost-Berlin deutlich zu hören. Tausende von Jugendlichen kamen, mußten allerdings weit vor der Mauer an Absperrungen haltmachen. Als die Polizei gegen Mitternacht versuchte, die Ansammlung aufzulösen, schlug die zunächst friedliche Stimmung um. In Sprechchören riefen sie: „Die Mauer muß weg“ und „Bullen raus“; etwa 30 Jugendliche wurden festgenommen.

Am Pfingstmontag, beim Auftritt der Gruppe Genesis in West-Berlin, sammelten sich erneut 3000 bis 4000 Menschen auf der Ostberliner Seite der Mauer. Sie wurden bereits 300 Meter vor den Sperranlagen von der Polizei aufgehalten. Die Stimmung war, wie Augenzeugen berichteten, deutlich politischer und militanter geworden.

Die Taktik der Sicherheitskräfte hatte sich geändert: Zivile Greiftrupps brachten Jugendliche zu Polizeiwagen, gingen aber auch gezielt gegen westliche Journalisten vor, um deren Berichterstattung zu unterbinden. Zivile Einsatzkräfte rtnnten ein Kamerateam der ARD regelrecht um. Einem Hörfunk-Korrespondenten wurde das Mikrophon vom Kabel abgerissen, einem anderen das Tonbandgerät entwendet.

Ein Kameramann wurde in einem Polizeiwagen während der Fahrt zur Gefangenensammelstelle im Hof des Außenhandelsministeriums durch zahlreiche Schläge in die Nierengegend mißhandelt. Auf diesem Hof, der mit Scheinwerfern ausgeleuchtet war, wurden etwa 50 Jagendliche überprüft und häufig auch geschlagen. Hunderte von jungen DDR-Bürgern riefen unterdessen wieder „Die Mauer muß weg“, aber auch Rufe nach Gorbatschow wurden laut.

Joachim Nawrocki (Berlin)