Auch beim dritten Heimatbesuch empfingen Millionen von Polen begeistert „ihren“ Papst. Der Gast aus Rom macht den Kommunisten diesmal zwar weniger politische Sorgen, doch er bringt ihnen die eigenen Komplexe ins Bewußtsein.

Von General Jaruzelski nicht ohne Stolz als „berühmter Sohn unserer Nation“ begrüßt, ließ Johannes Paul II. schon am Tage seiner Ankunft in Warschau keinen Zweifel daran, daß die moralische Auf- und Umrüstung, die er seiner Heimat verordnen will, bei den Verantwortlichen beginnen müßte: „Nur wenn das Volk in der ganzen Organisation des Staatslebens Herr im eigenen Haus ist, lebt es sein echtes eigenes Leben“, sagte er beim Empfang im wiederaufgebauten Warschauer Schloß.

Der königliche Thron, vor dem Papst und General standen, blieb unbesetzt. Nur wenn der Mensch fühle, daß „er nicht nur Objekt einer von oben ausgeübten Staatsmacht ist, daß Arbeit und Wirtschaft für ihn, nicht er für sie da ist, dann ist auch er für Arbeit und Wirtschaft da ... Ich erlaube mir, das zu sagen, weil ich die schwierige Periode im Leben von Nation und Staat tief empfinde“.

Stilistisch elegant antwortete der General mit einer anderen Art von Belehrung: Da war, verpackt im Respekt vor „moralischen Hinweisen“ der kirchlichen Soziallehre, von den polnischen Vorkriegs-Klassenkämpfen die Rede, von „brutaler Ausbeutung durch fremdes Kapital“. Er machte aber auch das Eingeständnis, daß viele Familien Polens noch „schwer leben“, daß es Armut und „noch viel Verbitterung und gegenseitiges Mißtrauen“ gibt. Als Heilmittel predigte Jaruzelski nationale Verständigung und sprach von weltanschaulichem Pluralismus in einer „Welt des Sozialismus, die eine eigentümliche Epoche der Wiedergeburt erlebt“.

In diesem Punkt dürfte zwar der Papst so wenig gläubig sein wie die meisten Polen, doch gewisse Hoffnungszeichen will er offenkundig begünstigen. In Lublin, nahe an Polens Ostgrenze, nahm er deutlich Rücksicht auf Befürchtungen, die 1979 und 1984 seinen Besuch in dieser Stadt verhindert hatten.

Nicht politisch, streng philosophisch und im Stil des ehemaligen Dozenten setzte er sich vor Studenten und Professoren der katholischen Universität (der einzigen in der kommunistischen Welt) mit der Religionskritik der Aufklärung auseinander: Besonders im Marxismus habe sie den Atheismus zur einzigen wissenschaftlichen Weltanschauung erklärt. „Gegenwärtig kann man auf diesem Gebiet eine nicht mehr so absolute Entschiedenheit feststellen“, erklärte der Papst fest; es gäbe eine „neue Art“ der Betrachtung. Und ebenso vorsichtig begründete er, warum er gerade in Lublin, „an diesem Ort Europas“, über dieses Thema spricht: Hier komme religiös, national und politisch die geschichtliche „Begegnung zwischen West und Ost“ zum Ausdruck, die gegenseitige Anziehung und Abstoßung – „eine schwierige Herausforderung“.

Am Stadtrand von Lublin, wo im Konzentrationslager Maidanek über 300 000 Menschen aus 26 Nationen Europas von Hitlers Schergen ermordet wurden, verblaßte dann freilich jede historische Relativität. Hier demonstrierte Johannes Paul II. durch ein langes, stilles Gebet vor dem Denkmal des Schreckens seine Erinnerung und Mahnung.

Hansjakob Stehle (Lublin)