Richard Strauss: „Ariadne auf Naxos“

„Ich weiß und weiß es bestimmt, sie hat nicht das Publikum von heute, aber das von morgen“, prophezeite (1918) der Dichter Hugo von Hofmannsthal dem Musiker Richard Strauss. Der wiederum betonte, daß er nichts „Moderneres“ komponiert habe. Beide behielten recht. Heute müßten sie in Anbetracht der Neuaufnahme mit den Wiener Philharmonikern unter James Levine zu einer Titeländerung überredet werden: An „Zerbinetta“ führte kein Weg vorbei. Denn als exorbitantes Stimmphänomen reißt in jener Figur die Amerikanerin Kathleen Battle die Show total an sich.

Die aberwitzige Bravour-Szene „Großmächtige Prinzessin“ ist zuvor wohl niemals so perfekt wie scheinbar mühelos bewältigt worden. Gegen derlei sprühende Eleganz und mörderische Disziplin hat auch die im dramatischen Ausdruck mehr zum Pathos einer Brünhilde neigende Anna Tomowa-Sintow als Ariadne kein leichtes Spiel. Den hysterischen Anwandlungen der Figur des Komponisten indes wird die temperamentvolle Agnes Baltsa mit betörender Verve gerecht, während Gary Lakes in Gestalt des jungen Gottes Bacchus sich schnell im dithyrambischen Feuer seines schneidenden Organs erschöpft.

Der Amerikaner, dem bei „Circe“ immer nur „Hirze“ gelingt und der Noten und Rhythmen nicht immer so wichtig nimmt, ist vom gepflegten Umgang mit Hofmannsthals poesiereicher Muttersprache offenbar weiter als die anderen (ausländischen) Solisten entfernt. Doch erfährt der Hörer mit ihren exponierten Leistungen wie mit denen der auf Hochglanz gebrachten Ensembles volle Beglückung. (DG 419 225–2)

Peter Fuhrmann